In den griechischen Sagen kommen Frauen reichlich vor – nur reden dürfen sie selten. Helena ist der Anlass eines Krieges, Briseis ein Beutestück, über das sich zwei Feldherren zerstreiten, Penelope die Frau, die zu Hause wartet, Medusa ein Ungeheuer, dessen abgeschlagener Kopf zur Waffe wird. Erzählt haben diese Geschichten fast immer andere: Homer, die Tragiker, später Generationen von Nacherzählern.
Seit einigen Jahrzehnten drehen Schriftstellerinnen den Blick um. Sie fragen, wie der Trojanische Krieg aussieht, wenn man ihn aus dem Sklavinnenzelt betrachtet, und was von einer „Kindsmörderin“ übrig bleibt, wenn man ihr zuhört. Was in der deutschen Literatur mit Christa Wolf begann, ist im englischsprachigen Raum spätestens mit Madeline Millers „Ich bin Circe“ zu einem eigenen Genre geworden, oft „Retelling“ genannt.
Die folgenden zehn Romane zeigen die Bandbreite: zugängliche Neuerzählungen für den Einstieg, literarische Klassiker, ironische Kurzformen und einen Roman, der eine antike Tragödie ins heutige London verlegt.
Die zehn Romane im Überblick
| Buch | Autorin | Erzählerin bzw. Hauptfigur | Mythos | Seiten |
|---|---|---|---|---|
| Ich bin Circe | Madeline Miller | Circe | Odyssee, Götterwelt | 516 |
| Kassandra | Christa Wolf | Kassandra | Trojanischer Krieg | 178 |
| Die Stille der Frauen | Pat Barker | Briseis | Ilias | 416 |
| Die Penelopiade | Margaret Atwood | Penelope und die Mägde | Odyssee | 171 |
| Medea. Stimmen | Christa Wolf | Medea und andere | Argonauten, Korinth | 223 |
| Ich, Ariadne | Jennifer Saint | Ariadne, Phaidra | Theseus und der Minotaurus | 408 |
| Klytämnestra | Costanza Casati | Klytämnestra | Atriden | 553 |
| Stone Blind – Der Blick der Medusa | Natalie Haynes | Medusa und viele Stimmen | Perseus | 382 |
| Wir Töchter von Sparta | Claire Heywood | Helena und Klytämnestra | Vorgeschichte Trojas | 384 |
| Hausbrand | Kamila Shamsie | Isma, Aneeka u. a. | Antigone (Gegenwart) | 254 |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die jeweils verlinkte deutsche Ausgabe.
Der Einstieg: eine Göttin, die lieber Mensch wäre

Wer mit diesem Thema anfängt, landet fast zwangsläufig bei Ich bin Circe. Madeline Millers Roman hat die Welle der feministischen Mythen-Neuerzählungen maßgeblich geprägt, und er ist nach wie vor der zugänglichste Weg hinein. Circe, in der Odyssee nur eine Station auf Odysseus’ Heimreise, erzählt hier ihr ganzes, sehr langes Leben: als Außenseiterin im Palast ihres Vaters Helios, als Verbannte auf der Insel Aiaia, als Kräuterkundige, die ihre Macht erst entdecken muss.
Die Stärke des Buches liegt darin, dass Miller die bekannten Figuren beiläufig auftreten lässt – Daidalos, Medea, Scylla, schließlich Odysseus und Penelope – und sie aus Circes Blick neu beleuchtet. Vorwissen braucht man dafür nicht. Der Ton ist bildreich, warm und psychologisch genau, die Frage im Kern zeitlos: Gehört Circe zu den Göttern, aus denen sie stammt, oder zu den Menschen, denen sie sich näher fühlt? Mit gut 500 Seiten ist das kein schmaler Band, liest sich aber zügig.
Troja, aus der Sicht derer, die verlieren
Der Klassiker: Christa Wolfs „Kassandra“

Lange bevor der Begriff „Retelling“ die Buchhandlungen erreichte, hatte Christa Wolf das Prinzip bereits vorgeführt. Kassandra erschien 1983 und ist bis heute der deutschsprachige Referenztext für einen weiblich erzählten Mythos. Die trojanische Königstochter, deren Weissagungen niemand glaubt, wartet in Mykene auf ihren Tod und lässt ihr Leben noch einmal an sich vorüberziehen.
Daraus entsteht kein Kriegsroman, sondern ein inneres Protokoll: Wie wird eine Stadt kriegsbereit? Wer profitiert davon, dass man der Warnerin nicht zuhört? Wolf verbindet die Fragen nach Gewalt und patriarchaler Macht mit dem Ringen einer Frau um ihre eigene Stimme. Die Suhrkamp-Ausgabe enthält zusätzlich die Frankfurter Poetik-Vorlesungen „Voraussetzungen einer Erzählung“, in denen Wolf nachzeichnet, wie das Buch entstand. Der Text ist dicht und verlangt Konzentration, belohnt sie aber mit einer Klarheit, an der sich viele spätere Troja-Romane messen lassen müssen.
Die Ilias aus dem Zelt: „Die Stille der Frauen“
Pat Barker, die für ihre Romane über den Ersten Weltkrieg mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, nimmt sich in Die Stille der Frauen den Anfang des abendländischen Heldenepos vor. Briseis war Königin von Lyrnessos, bis die Griechen die Stadt einnahmen. Nun lebt sie als Sklavin bei Achill, dem Mann, der ihre Familie getötet hat, und wird im Lager vor Troja zum Faustpfand im Streit der Mächtigen.
Barker erzählt nüchtern und ohne Beschönigung. Die Helden, die bei Homer im Glanz ihrer Beinamen erscheinen, sieht man hier von der anderen Seite: als Männer, die sich langweilen, kränken lassen und Gewalt ausüben. Gerade diese Ernüchterung macht das Buch zum Gegenentwurf zur Ilias. Wer Millers warmen Ton schätzt, sollte wissen, dass Barker deutlich härter ist – die Lektüre lohnt sich trotzdem, vielleicht gerade deshalb.
Kurz, bissig, formal verspielt: „Die Penelopiade“

Ein völlig anderer Ton kommt von Margaret Atwood. Die Penelopiade entstand für eine internationale Reihe, in der namhafte Autorinnen und Autoren alte Mythen neu erzählen. Atwood lässt Penelope aus der Unterwelt sprechen, mit dem Abstand von Jahrtausenden und einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber ihrem berühmten Ehemann und der Version, die Homer überliefert hat.
Dazwischen meldet sich ein Chor zu Wort: die zwölf Mägde, die Odysseus nach seiner Rückkehr hinrichten ließ. Sie singen, spotten und widersprechen ihrer Herrin, und gerade diese Reibung macht das schmale Buch so reizvoll. Mit rund 170 Seiten eignet sich die Penelopiade gut für Leserinnen und Leser, die wenig Zeit haben oder nach einem langen Retelling etwas Pointierteres suchen.
Ein zweiter großer Frauenmythos: „Medea. Stimmen“
Mit Medea. Stimmen kehrte Christa Wolf 1996 zur Antike zurück. Medea gilt seit Euripides als die Frau, die aus Rache ihre eigenen Kinder tötet. Wolf stellt diese Überlieferung infrage: Ihre Medea ist eine Fremde in Korinth, eine Wissende, die zu viel gesehen hat und deshalb zur Projektionsfläche wird. Der Roman zeigt, wie eine Gemeinschaft einen Sündenbock braucht, um ihre eigenen Verbrechen zu verdecken.
Formal unterscheidet sich das Buch deutlich von Kassandra. Statt eines einzigen Monologs wechseln die Stimmen: Medea selbst, Jason und weitere Figuren aus Korinth und Kolchis sprechen nacheinander, und aus ihren widersprüchlichen Aussagen setzt sich das Bild zusammen. Wer Kassandra gelesen hat, findet hier die konsequente Fortsetzung desselben Denkens; wer Wolf noch nicht kennt, kann auch mit diesem Roman beginnen.
Moderne Nacherzählungen für alle, die nach Circe weiterlesen wollen
Kreta und Naxos: „Ich, Ariadne“

Jennifer Saints Ich, Ariadne ist die naheliegende Anschlusslektüre für alle, denen Ich bin Circe gefallen hat. Ariadne, Tochter des Königs Minos, verhilft Theseus dazu, den Minotaurus zu töten, flieht mit ihm von Kreta – und wird von ihm auf einer Insel zurückgelassen. In der antiken Überlieferung ist das Naxos.
Saint erzählt nicht nur Ariadnes Geschichte, sondern auch die ihrer jüngeren Schwester Phaidra, deren Weg sich von ihrem trennt. So entsteht eine Doppelperspektive auf dieselbe Welt, in der Götter und Männer über das Schicksal der Frauen verfügen. Der Roman ist eingängig, emotional und weniger literarisch ambitioniert als Wolf oder Atwood – genau das macht ihn für viele zum angenehmen Lesevergnügen.
Die Atriden aus der Gegenperspektive: „Klytämnestra“
In der Überlieferung ist Klytämnestra die Frau, die ihren heimkehrenden Mann Agamemnon ermordet. Costanza Casati fragt in Klytämnestra, wie es dazu kommen konnte. Ihr Roman begleitet die Königstochter von ihrer Jugend in Sparta, an der Seite ihrer Schwester Helena, bis in die Ehe mit Agamemnon, der sie demütigt und schließlich die gemeinsame Tochter opfert.
Casati erzählt dramatisch und mit viel Spannung; die Gewalt, der Klytämnestra ausgesetzt ist, wird ebenso deutlich wie ihre Wut. Mit über 550 Seiten ist das der umfangreichste Titel dieser Liste. Er eignet sich für alle, die sich gern in eine lange Familiengeschichte voller Machtkämpfe vertiefen und die Atriden-Tragödie einmal nicht aus der Sicht der Rächer erleben möchten.
Besonderer Tipp: Medusa erzählt zurück

Natalie Haynes ist Altphilologin, und das merkt man Stone Blind – Der Blick der Medusa an: Sie kennt die Quellen genau und spielt souverän mit ihnen. Im Zentrum steht der Perseus-Mythos, doch die eigentliche Hauptfigur ist Medusa – in der antiken Überlieferung die einzige Sterbliche unter den Gorgonen-Schwestern, deren Blick versteinert und deren Kopf Perseus erbeutet.
Haynes erzählt diese Geschichte mit vielen Stimmen und mit trockenem Humor. Aus dem Monster wird ein Opfer, aus dem gefeierten Helden eine eher lächerliche Figur. Das ist respektlos gegenüber der Tradition, aber nie oberflächlich. Wer Atwoods Ironie mochte und zugleich die epische Breite der modernen Retellings schätzt, findet hier eine gelungene Verbindung von beidem.
Helena als Handelnde: „Wir Töchter von Sparta“
Auch Claire Heywood beginnt in Sparta, wählt aber eine andere Form als Casati. Wir Töchter von Sparta wird abwechselnd von Helena und Klytämnestra erzählt, und so wird die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges zur Geschichte zweier Schwestern, die mit Ehe, Macht und dem Wunsch nach Selbstbestimmung ringen.
Bemerkenswert ist vor allem der Blick auf Helena. In den meisten Fassungen ist sie bloß der Anlass des Krieges, eine Schönheit, um die gekämpft wird. Heywood zeigt sie als Frau, die selbst Entscheidungen trifft. Wer Klytämnestra gelesen hat, kann beide Romane gut miteinander vergleichen: Sie behandeln dieselbe Familie, setzen aber verschiedene Schwerpunkte.
Der Mythos in der Gegenwart: „Hausbrand“

Zum Schluss ein Roman, der ganz ohne Götter, Paläste und Heerlager auskommt und trotzdem in diese Liste gehört. Kamila Shamsie verlegt in Hausbrand die Antigone des Sophokles ins Großbritannien der Gegenwart. Die Schwestern Isma und Aneeka, Britinnen mit pakistanischen Wurzeln, ringen um ihren Bruder, der sich dem IS angeschlossen hat. Isma hat die jüngeren Zwillinge nach dem Tod der Eltern großgezogen; Aneeka will den Bruder um jeden Preis zurückholen. Und der Innenminister, dessen Sohn mit beiden Schwestern in Berührung kommt, vertritt eine kompromisslose Sicherheitspolitik.
Wie bei Sophokles prallen staatliches Recht und familiäre Loyalität aufeinander, und wieder ist es eine junge Frau, die sich gegen die Macht stellt. Der Roman wurde 2018 mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Er zeigt eindrucksvoll, dass die antiken Frauenstoffe nicht nur nacherzählt, sondern auf heutige Konflikte übertragen werden können.
Welches Buch passt zu Ihnen?
- Für den ersten Griff: Ich bin Circe, danach Ich, Ariadne.
- Für literarisch Anspruchsvolles: Christa Wolfs Kassandra und Medea. Stimmen.
- Für einen schonungslosen Blick auf den Krieg: Die Stille der Frauen.
- Für wenig Zeit und viel Witz: Die Penelopiade.
- Für Humor mit Tiefgang: Stone Blind – Der Blick der Medusa.
- Für Spannung und Familiendrama: Klytämnestra und Wir Töchter von Sparta, am besten nacheinander.
- Für den Brückenschlag ins Heute: Hausbrand.
Gemeinsam ist allen zehn Romanen, dass sie die alten Geschichten nicht ersetzen, sondern ihnen etwas hinzufügen: die Stimmen derer, die bisher am Rand standen. Wer danach zu Homer, Euripides oder Sophokles zurückkehrt, liest die Originale mit anderen Augen.
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