Mit Volker Kutschers Gereon-Rath-Romanen erlebt man zehn Jahre deutscher Geschichte aus der Sicht eines Kriminalkommissars. Der erste Band spielt 1929 im Berlin der Weimarer Republik, der letzte im Herbst 1938, als in Deutschland die Synagogen brennen. Dazwischen liegen der Zerfall der Demokratie, der Reichstagsbrand, die Olympischen Spiele und eine Familie, die immer tiefer in die Verhältnisse hineingerät.
Die Frage nach der Reihenfolge lässt sich deshalb schnell beantworten: Lesen Sie die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Sie entspricht genau der Handlungschronologie, jeder Band rückt ungefähr ein Jahr weiter. Etwas kniffliger sind nur die drei schmalen, illustrierten Begleitbände, die Kutscher neben der Hauptreihe veröffentlicht hat. Für sie gibt es jeweils eine sinnvolle Stelle, und bei einem davon ist es wichtig, sie einzuhalten.
Die Gereon-Rath-Reihe im Überblick
Die ersten sechs Romane erschienen zuerst bei Kiepenheuer & Witsch, ab Band 7 wechselte die Reihe zu Piper. Verlinkt sind hier die aktuellen Taschenbuchausgaben von Piper. Die Jahreszahl nennt die Erstausgabe.
| Nr. | Titel | Handlungszeit | Erstausgabe |
|---|---|---|---|
| 1 | Der nasse Fisch | 1929 | 2007 |
| 2 | Der stumme Tod | März 1930 | 2009 |
| 3 | Goldstein | 1931 | 2010 |
| 4 | Die Akte Vaterland | Juli 1932 | 2012 |
| 5 | Märzgefallene | Februar/März 1933 | 2014 |
| 6 | Lunapark | 1934 | 2016 |
| 7 | Marlow | Spätsommer 1935 | 2018 |
| 8 | Olympia | Sommer 1936 | 2020 |
| – | Mitte (Begleitband) | Herbst 1936 | 2021 |
| 9 | Transatlantik | ab April 1937 | 2022 |
| 10 | Rath | Herbst 1938 | 2024 |
| – | Westend (Epilog) | 1973 | 2025 |
| – | Moabit (Prequel) | 1920er-Jahre | 2017 |
Anders als bei vielen Krimireihen sind die Bände bei Kutscher keine austauschbaren Einzelfälle. Zwar wird in jedem Roman ein Kriminalfall gelöst, doch die Figuren, ihre Beziehungen und vor allem die politische Lage entwickeln sich von Buch zu Buch weiter. Ein Quereinstieg ist möglich, kostet aber viel von dem, was die Reihe ausmacht.
Weimarer Republik: Band 1 bis 4

Der Einstieg ist Der nasse Fisch. Gereon Rath ist neu in der Hauptstadt und landet zunächst bei der Sittenpolizei. Berlin feiert, während es politisch und sozial an allen Ecken brodelt. Rath mischt sich ohne Auftrag in einen festgefahrenen Mordfall ein und kommt dabei Charlotte „Charly“ Ritter näher, die als Stenotypistin in der Mordkommission arbeitet. Dass er ihr Wissen für seine Alleingänge nutzt, ist bezeichnend für ihn: Rath ist kein strahlender Held, sondern ehrgeizig, eigensinnig und nicht immer skrupulös. Gerade diese Ambivalenz trägt die Reihe über zehn Bände.
In Der stumme Tod stirbt im März 1930 eine Schauspielerin bei Dreharbeiten, erschlagen von einem Scheinwerfer. Rath glaubt nicht an einen Unfall und ermittelt in einer Filmbranche, die gerade vom Stumm- zum Tonfilm wechselt. Goldstein führt 1931 in die Berliner Unterwelt mit ihren Ringvereinen, während sich SA und Rotfront auf der Straße bekämpfen. Rath soll einen amerikanischen Gangster überwachen und gerät dabei auch an Johann Marlow, einen Unterweltboss, der ihn durch die ganze Reihe begleiten wird.
Die Akte Vaterland beginnt im Juli 1932 mit einem Toten im Vergnügungspalast „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz und führt Rath bis nach Masuren. Charly arbeitet inzwischen als Kommissaranwärterin – ausgerechnet in der Mordkommission, was für zusätzliche Spannungen zwischen den beiden sorgt.
Die Zäsur von 1933: Band 5 und 6

Mit Märzgefallene ändert sich der Ton der Reihe. Der Roman setzt im Februar 1933 ein, Rath feiert Karneval in Köln, als ihn die Nachricht vom Reichstagsbrand erreicht. Zurück in Berlin wird er in die Verfolgung von Kommunisten hineingezogen und soll zugleich eine Mordserie an Veteranen des Ersten Weltkriegs aufklären. Wer verstehen will, wie sich ein Rechtsstaat binnen weniger Wochen auflöst, bekommt hier eine eindringliche Anschauung.
Lunapark spielt 1934. Zwei SA-Männer sind ermordet worden, und die Spur führt zu einem eigentlich zerschlagenen Ringverein, der unter dem Deckmantel der SA weiterarbeitet. Für Rath wird die Lage nun auch persönlich bedrohlich. Spätestens ab diesem Band lässt sich die Reihe als Studie darüber lesen, wie viel Anpassung ein Mensch mitmacht, um sich und die Seinen durchzubringen.
Die Diktatur festigt sich: Band 7 und 8

Marlow ist der erste Band, der bei Piper erschienen ist. Im Spätsommer 1935 gehen die Raths getrennte Wege: Pflegesohn Fritz marschiert mit der Hitlerjugend zum Reichsparteitag, Charly hält sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin über Wasser, und Rath, inzwischen Oberkommissar, kümmert sich um Todesfälle, die sonst niemanden interessieren. Ein Verkehrsunfall führt ihn zu Erpressung, geheimen Akten und Hermann Göring – und wieder zu Marlow.
In Olympia ermittelt Rath im Sommer 1936 verdeckt im olympischen Dorf. Offiziell sollen Kommunisten die Spiele sabotieren wollen, Rath hält davon wenig. Privat steht es schlecht um ihn, Charly hat die gemeinsame Wohnung verlassen. Das Ende dieses Bandes ist ein Wendepunkt für die gesamte Reihe; lesen Sie danach möglichst zügig weiter.
Zwischenstück: „Mitte“

Zwischen Band 8 und Band 9 gehört Mitte. Das gut hundertseitige Buch ist von Kat Menschik illustriert und bei Galiani Berlin erschienen. Es knüpft im Herbst 1936 unmittelbar an „Olympia“ an. Erzählt wird in Briefen: Fritze Thormann, fast 16, ist untergetaucht und arbeitet unter falschem Namen bei einem Kohlenhändler in Berlin-Mitte. Aus seinem Versteck schreibt er an die Menschen, die ihm fehlen, darunter Charly. Der Band ist für das Verständnis der Hauptreihe nicht zwingend, schließt aber die Lücke bis „Transatlantik“ und erzählt Fritzes Weg, der in den letzten beiden Romanen wichtig wird.
Das Finale: Band 9 und 10

Transatlantik setzt im April 1937 ein, und die Familie Rath ist auseinandergerissen. Charly wollte Deutschland längst verlassen, hängt aber in Berlin fest, weil sie sich um Fritze kümmern muss und ihre beste Freundin Greta verschwunden ist. Was mit Gereon geschehen ist, verraten wir hier nicht, denn es ergibt sich direkt aus dem Ende von „Olympia“. Nur so viel: Ein Teil der Handlung spielt jenseits des Atlantiks.
Mit Rath endet die Romanreihe. Im Herbst 1938 warten Gereon und Charly auf den richtigen Moment, um das Land zu verlassen. Gereon zögert, weil sein Vater im Sterben liegt, Charly sucht nach Fritze, der unter Mordverdacht geraten ist. Der Roman läuft auf die Novemberpogrome zu und bringt die großen Linien der Reihe zusammen. Wer bis hierhin gelesen hat, wird die Figuren nach rund zehn Jahren Handlungszeit kaum noch losgelöst von ihrer Epoche sehen können.
Nach dem Finale: „Westend“

Westend ist der jüngste der illustrierten Bände mit Kat Menschik und der einzige, bei dem die Reihenfolge wirklich zählt. Das Buch spielt 1973 und blickt aus großem Abstand auf die Geschichte zurück: auf Ereignisse von 1931 und 1953 und darauf, was aus den Figuren im Krieg und in den Jahren danach geworden ist. Schon die Ausgangslage würde verraten, wie „Rath“ ausgeht. Lesen Sie „Westend“ deshalb erst, wenn Sie den zehnten Roman beendet haben – dann aber unbedingt, denn hier schließt sich der Kreis der Reihe.
Vor dem Anfang: „Moabit“

Handlungschronologisch steht Moabit vor allen anderen Büchern. Die Erzählung aus dem Jahr 2017, ebenfalls von Kat Menschik illustriert, zeigt Charly, als sie noch Lotte heißt und mit ihren Eltern in einer Dienstwohnung am Zellengefängnis Moabit lebt. Sie hat gerade das Abitur bestanden, lernt Stenografie und zieht nachts mit ihrer Freundin Greta durch die Tanzlokale. Dann wird ihr Vater, ein Gefängniswärter, in einen Gewaltakt im Gefängnis verwickelt, der ihr Leben prägt. Gereon Rath kommt in diesem Buch nicht vor.
Sie können „Moabit“ jederzeit lesen, auch ganz am Anfang. Mehr haben Sie davon allerdings, wenn Sie Charly aus den ersten Romanen schon kennen: Dann wird aus der Vorgeschichte ein Puzzlestück, das manches an ihr erklärt. Nach den ersten zwei oder drei Bänden ist ein guter Zeitpunkt.
„Der nasse Fisch“ als Graphic Novel

Wer sich dem ersten Band lieber in Bildern nähert, findet bei Carlsen eine Comicfassung. Arne Jysch hat Der nasse Fisch als Graphic Novel umgesetzt, die erstmals 2017 erschien. Die Neuausgabe von 2018 enthält zusätzlich einen Bericht des Zeichners über die Zusammenarbeit mit Volker Kutscher und die Entstehung des Buchs. Die Adaption erzählt die Handlung des ersten Romans nach und setzt die Reihe nicht fort. Sie eignet sich als visueller Einstieg oder als Ergänzung für alle, die den Roman bereits kennen; danach geht es mit „Der stumme Tod“ weiter.
Und „Babylon Berlin“?
Viele Leser kommen über die Fernsehserie „Babylon Berlin“ zu Kutscher. Die Serie, an der unter anderem Tom Tykwer beteiligt ist, beruht lose auf den ersten Romanen, erzählt aber eigenständig und weicht in Handlung und Figuren deutlich von den Büchern ab. Eine Lesereihenfolge lässt sich aus ihr nicht ableiten. Auch wer alle Staffeln gesehen hat, sollte mit „Der nasse Fisch“ beginnen – die Romane halten genug Überraschungen bereit.
Kutschers frühe Krimis
Bevor Volker Kutscher Gereon Rath erfand, schrieb er bereits Kriminalromane: „Bullenmord“ (1995) und „Vater unser“ (1998), beide gemeinsam mit Christian Schnalke, sowie „Der schwarze Jakobiner“ (2003). Diese Bücher haben mit der Rath-Reihe nichts zu tun und sind nur noch schwer erhältlich. Für die Lesereihenfolge spielen sie keine Rolle.
Kurz zusammengefasst: So lesen Sie Volker Kutscher
- Hauptreihe: Die zehn Rath-Romane in der Reihenfolge des Erscheinens lesen, von „Der nasse Fisch“ (1929) bis „Rath“ (1938). Erscheinungs- und Handlungsfolge sind identisch.
- Einstieg: Immer mit Band 1 beginnen, auch wenn Sie „Babylon Berlin“ kennen. Die Graphic Novel von Arne Jysch ist eine Alternative oder Ergänzung zu diesem ersten Band.
- „Moabit“: Charlys Vorgeschichte, jederzeit lesbar, am schönsten nach den ersten Romanen.
- „Mitte“: Optional, aber am richtigen Platz zwischen „Olympia“ und „Transatlantik“.
- „Westend“: Erst nach „Rath“ lesen, sonst nimmt es das Ende vorweg.
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