Keine deutsche Stadt hat so viele Brüche erlebt wie Berlin: Weltstadt der Zwanziger, Machtzentrum des NS-Staats, Trümmerfeld, geteilte Insel, wiedervereinigte Hauptstadt. Für Kriminalromane ist das ein Glücksfall. Wer in Berlin ermittelt, stößt fast zwangsläufig auf Geschichte, und oft ist die Vergangenheit das eigentliche Verbrechen hinter dem Mord.
Die folgenden zehn Bücher zeigen, wie unterschiedlich sich die Stadt erzählen lässt. Am Anfang stehen drei historische Krimis, die von der späten Weimarer Republik bis in die letzten Kriegsjahre führen. Danach geht es um Fälle, in denen die Geschichte in die Gegenwart hineinragt, um einen wiederentdeckten Westberlin-Krimi und einen Gerichtsroman. Zwei Thriller sorgen für Tempo, bevor ein Schrebergarten und ein Kinderbuchklassiker den Abschluss bilden. Viele Titel eröffnen eine Reihe – wer eine passende Figur findet, kann lange weiterlesen.
Berlin zwischen den Kriegen und unter dem Hakenkreuz
Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Wenn heute von Berlin-Krimis die Rede ist, fällt meist zuerst dieser Name. Der nasse Fisch ist der erste Roman um Gereon Rath und die Vorlage für die Fernsehserie „Babylon Berlin“. Rath ist frisch aus Köln in die Hauptstadt versetzt worden und landet zunächst bei der Sittenpolizei – kein Posten, der seinem Ehrgeiz entspricht. Also mischt er sich ungebeten in einen Mordfall ein, der bei den Kollegen nicht vorankommt, und gerät dabei an Kreise, mit denen man sich besser nicht anlegt.
Kutscher zeichnet ein Berlin am Ende der Zwanzigerjahre, das zwischen Vergnügungssucht und politischer Gewalt taumelt. Sein Held ist alles andere als ein Vorbild: Um voranzukommen, nutzt er auch die Informationen, die ihm Charly, Stenotypistin in der Mordkommission, anvertraut. Gerade diese moralische Grauzone macht die Figur interessant. Die vorliegende Sonderausgabe von Piper umfasst 558 Seiten; wer Gefallen findet, kann Rath über viele Bände hinweg durch die Jahre bis in die NS-Zeit begleiten.
Philip Kerr: Feuer in Berlin

Einen Blick von außen wirft der britische Autor Philip Kerr auf die Stadt. Feuer in Berlin (Rowohlt Taschenbuch, 334 Seiten) ist der erste Fall des Privatdetektivs Bernhard „Bernie“ Gunther und spielt 1936, als das Regime sich der Welt im Glanz der Olympischen Spiele präsentiert. Gunther hat die Kriminalpolizei verlassen und schlägt sich mit Aufträgen durch, die ihn immer wieder in die Nähe der Mächtigen führen.
Der Roman steht in der Tradition des amerikanischen Hardboiled-Krimis: ein zynischer Ich-Erzähler, scharfe Sprüche, verrauchte Hinterzimmer. Doch der Witz bleibt einem oft im Hals stecken, denn Kerr verknüpft seine Handlung mit realen Ereignissen und Personen der Zeit. Das Buch bildet den Auftakt der sogenannten Berlin-Trilogie, der später viele weitere Gunther-Romane folgten.
Harald Gilbers: Germania

Noch dunkler wird es bei Harald Gilbers. In Germania (Knaur Taschenbuch, 537 Seiten) liegt die Reichshauptstadt bereits unter den Bomben, als ein Mörder Frauen tötet und ihre Leichen an Kriegerdenkmälern ablegt. Die Opfer standen der NSDAP nahe, der Täter jedoch gibt sich selbst als überzeugter Nationalsozialist zu erkennen. Ausgerechnet Richard Oppenheimer, ein jüdischer Kommissar, der einst zu den besten Ermittlern der Berliner Kripo gehörte, wird von der Gestapo für die Jagd herangezogen.
Die Ausgangslage ist so beklemmend wie raffiniert: Oppenheimer muss für seine Verfolger arbeiten und weiß, dass ein Erfolg ihn kaum schützen wird. Gilbers erzählt mit viel Gespür für den Alltag im Ausnahmezustand, für Luftschutzkeller, Mangel und Misstrauen. Das Buch wurde mit dem Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimidebüt ausgezeichnet und eröffnet eine Reihe um Oppenheimer.
Wenn die Vergangenheit nicht vergeht
Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen

Dass die NS-Zeit auch im heutigen Berlin noch Spuren hinterlässt, zeigt Das Kindermädchen (Goldmann, 446 Seiten), der erste Fall für den Anwalt Joachim Vernau. Vernau hat es nach oben geschafft und steht kurz davor, in die angesehene Familie von Zernikow einzuheiraten. Dann taucht eine Frau aus der Ukraine auf und behauptet, die Familie habe im Krieg eine Zwangsarbeiterin beschäftigt. Man setzt sie vor die Tür – kurz darauf wird sie tot aus dem Landwehrkanal gezogen.
Herrmann verbindet den Kriminalfall mit einem Gesellschaftsroman über das Berliner Großbürgertum und die Frage, wie viel Schweigen hinter einem tadellosen Ruf steckt. Vernau muss sich entscheiden, ob er unbequeme Fragen stellt und damit seine eigene Zukunft aufs Spiel setzt. Laut Verlag war der Roman für den Glauser-Preis nominiert. Für alle, die Krimis mit Zeitgeschichte schätzen, aber lieber in der Gegenwart bleiben, ist er ein guter Einstieg.
Pieke Biermann: Potsdamer Ableben

Ein ganz anderes Berlin bietet Potsdamer Ableben (Argument Verlag, 189 Seiten). Der Roman spielt im Westberlin von 1987, der Zeit, in der er auch geschrieben wurde, und ist in einer Neuausgabe wieder greifbar. Ein Musikmanager will statt Frauenbands lieber deutsche Machos groß herausbringen, und auf einer Feier liegt plötzlich eine tote Radiomoderatorin unter dem Büfett. Die Ermittlungen übernimmt Kriminalhauptkommissarin Karin Lietze, die Zigarillos raucht, mit Kaffeemaschinen auf Kriegsfuß steht und sich von niemandem etwas vormachen lässt.
Das Buch ist kurz, schnell und voller Berliner Schnauze. Biermann, die mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde, erzählt ironisch und mit viel Dialog von einer Popszene, in der jeder seine eigenen Interessen verfolgt. Wer das Westberlin vor dem Mauerfall erleben möchte, findet hier eine Zeitkapsel – und ein Stück deutscher Krimigeschichte, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten war.
Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini

Ähnlich schmal ist Der Fall Collini (btb, 195 Seiten). Fabrizio Collini, jahrzehntelang ein unauffälliger Werkzeugmacher, tötet in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Ein Motiv nennt er nicht. Die Pflichtverteidigung übernimmt der junge Anwalt Caspar Leinen – und das Opfer ist für ihn kein Unbekannter: ein angesehener Industrieller und der Großvater seines besten Freundes.
Ferdinand von Schirach, selbst Strafverteidiger in Berlin, erzählt in nüchternen, kurzen Sätzen. Spannung entsteht hier nicht aus der Frage nach dem Täter, sondern nach dem Warum, und die Antwort führt in ein Kapitel der bundesdeutschen Justizgeschichte, das mehr als nur diesen einen Fall betrifft. Das Buch eignet sich für alle, die literarische Krimis mögen und einen Abend Zeit haben.
Thriller aus der Hauptstadt
Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Der Berliner Sebastian Fitzek ist einer der erfolgreichsten Spannungsautoren des Landes, und Der Augensammler (Knaur Taschenbuch, 439 Seiten) zeigt, warum. Ein Täter tötet Mütter, entführt deren Kinder und lässt den Vätern 45 Stunden, um sie zu finden. Läuft die Frist ab, stirbt das Kind – und den Opfern fehlt das linke Auge. Die einzige Zeugin ist eine blinde Physiotherapeutin, die von sich sagt, sie könne durch Berührung in die Vergangenheit ihrer Patienten blicken.
Der Roman ist konsequent auf den Countdown gebaut, Kapitel für Kapitel wird die Zeit knapper. Wer Fitzek noch nicht kennt, bekommt hier einen typischen Vertreter seiner Bücher: kurze Kapitel, viele Wendungen, ein gewisser Hang zum Extremen. Mit „Der Augenjäger“ gibt es eine Fortsetzung.
Andreas Pflüger: Endgültig

Literarisch ambitionierter und härter im Ton ist Endgültig (Suhrkamp, 458 Seiten), der Auftakt der Trilogie um Jenny Aaron. Aaron gehörte einer Eliteeinheit der Polizei an, bis ein Einsatz in Barcelona sie das Augenlicht kostete. Seitdem arbeitet sie als Verhörspezialistin beim BKA. Als ihre früheren Berliner Kollegen sie um Hilfe bitten, geht es um einen Mann, den sie einst hinter Gitter gebracht hat und der nun im Gefängnis eine Psychologin getötet haben soll.
Pflüger schreibt verdichtet und präzise; seine Heldin nimmt die Welt über Stimmen, Geräusche und Pausen wahr, und der Text macht diese Wahrnehmung spürbar. Für die Trilogie erhielt er unter anderem den Deutschen Krimi Preis. Laut Verlag stehen die drei Fälle für sich und lassen sich unabhängig voneinander lesen – wer aber mit diesem Band beginnt, erlebt die Figur von Anfang an.
Zum Durchatmen: Schrebergarten und Kinderklassiker
Mona Nikolay: Rosenkohl und tote Bete

Nach so viel Finsternis tut ein Ortswechsel in die Kleingartenkolonie gut. In Rosenkohl und tote Bete (Droemer Taschenbuch, 319 Seiten) freut sich der pensionierte Berliner Polizist Manne Nowak auf die Gartensaison, bis seine neuen Nachbarn einziehen: Eike und Caro von Ribbek, Social-Media-Profis ohne jede Ahnung vom Gärtnern, die zum Grillen Quinoasalat mitbringen. Als in ihrem Beet eine Leiche auftaucht und die Polizei ausgerechnet Manne verdächtigt, wird aus der unfreiwilligen Nachbarschaft ein Ermittlerteam.
Der Reiz liegt im Zusammenprall von Laubenpieper-Tradition und Großstadt-Zeitgeist, erzählt mit vielen Dialogen und Berliner Lokalkolorit. Das ist kein Buch für schlaflose Nächte, sondern für entspannte Lesestunden mit einem Schmunzeln.
Erich Kästner: Emil und die Detektive

Am Ende steht der Ahnherr aller Berliner Detektivgeschichten. Emil und die Detektive erschien 1929 und hat bis heute nichts von seinem Schwung verloren. Emil darf zum ersten Mal allein nach Berlin fahren, wo Großmutter und Kusine Pony am Bahnhof Friedrichstraße auf ihn warten. Doch im Zug wird ihm sein Geld gestohlen, und statt anzukommen, nimmt er die Verfolgung des Diebes auf. Hilfe bekommt er von Gustav mit der Hupe und einer ganzen Bande Berliner Kinder.
Kästner zeigt die Großstadt mit den Augen eines Jungen vom Land: aufregend, laut, ein wenig bedrohlich und voller Möglichkeiten. Die vorliegende Taschenbuchausgabe des Atrium Verlags umfasst 170 Seiten und ist laut Verlag limitiert. Das Buch eignet sich zum Vorlesen wie zum Selberlesen und ist ein schöner Einstieg, um Kinder mit dem Genre vertraut zu machen.
Die Berlin-Krimis im Überblick
| Buch | Autor | Zeit der Handlung | Art | Seiten |
|---|---|---|---|---|
| Der nasse Fisch | Volker Kutscher | späte 1920er-Jahre | Historischer Krimi, Band 1 | 558 |
| Feuer in Berlin | Philip Kerr | 1936 | Historischer Noir, Band 1 | 334 |
| Germania | Harald Gilbers | Zweiter Weltkrieg | Historischer Krimi, Band 1 | 537 |
| Das Kindermädchen | Elisabeth Herrmann | Gegenwart | Gesellschaftskrimi, Band 1 | 446 |
| Potsdamer Ableben | Pieke Biermann | 1987 | Krimi mit Humor | 189 |
| Der Fall Collini | Ferdinand von Schirach | Gegenwart | Justizroman | 195 |
| Der Augensammler | Sebastian Fitzek | Gegenwart | Psychothriller | 439 |
| Endgültig | Andreas Pflüger | Gegenwart | Thriller, Band 1 | 458 |
| Rosenkohl und tote Bete | Mona Nikolay | Gegenwart | Humorvoller Krimi | 319 |
| Emil und die Detektive | Erich Kästner | 1920er-Jahre | Kinderbuchklassiker | 170 |
Welcher Berlin-Krimi passt zu Ihnen?
- Wenn Sie Geschichte lieben: Beginnen Sie mit Kutscher und lesen Sie danach Kerr und Gilbers – zusammen ergeben die drei ein Panorama vom Ende der Weimarer Republik bis in den Bombenkrieg.
- Wenn Sie Zeitgeschichte in der Gegenwart suchen: Herrmann und von Schirach zeigen, wie lange alte Schuld nachwirkt.
- Wenn Sie wenig Zeit haben: Biermann und von Schirach lassen sich jeweils an einem Abend lesen.
- Wenn Sie Hochspannung wollen: Fitzek für den schnellen Nervenkitzel, Pflüger für den anspruchsvolleren Thriller.
- Wenn Sie es leicht mögen: Nikolays Schrebergartenkrimi sorgt für gute Laune.
- Wenn die ganze Familie mitlesen soll: Kästners Klassiker funktioniert für Kinder wie für Erwachsene.
Berlin ist eine Stadt, die ihre Vergangenheit nie ganz los wird, und die besten Krimis, die hier spielen, wissen das. Ob Weimarer Republik, Westberliner Popszene oder Laubenkolonie: Wer diese Bücher liest, lernt die Stadt aus Blickwinkeln kennen, die kein Reiseführer bietet.
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