Elizabeth Strout in der richtigen Reihenfolge: Alle Romane um Olive Kitteridge, Lucy Barton und Co.

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buchtipp.de Stimmungsbild für Reihenfolgen

Elizabeth Strout hat nie eine Reihe im üblichen Sinn geschrieben. Es gibt keine Bandnummern, keinen Fall, der über mehrere Bücher weiterläuft, und kaum einen Roman, den man nicht auch für sich lesen könnte. Trotzdem fragen sich viele Leser, in welcher Reihenfolge sie die Bücher der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin lesen sollen. Der Grund: Strouts Figuren wandern. Wer in einem Roman nur am Rand vorkommt, steht im nächsten im Mittelpunkt, und Jahre später begegnet man sich in einer Kleinstadt an der Küste von Maine wieder.

Aus diesen Wanderungen ist ein Netz geworden, das zwei Orte zusammenhält: Maine mit den Städtchen Crosby und Shirley Falls und Amgash, das Heimatdorf von Lucy Barton in Illinois. Zwei Figuren tragen echte Folgen: Olive Kitteridge und Lucy Barton. Ihre Wege kreuzen sich schließlich im bislang dichtesten Roman dieses Kosmos.

Die kurze Antwort

Lesen Sie Elizabeth Strout am besten in der Reihenfolge, in der die Originale erschienen sind. So wachsen die Verbindungen mit, und jeder Gastauftritt einer bekannten Figur sitzt an der richtigen Stelle. Wenn Sie nicht alles lesen möchten, gilt: Halten Sie innerhalb der beiden Figurenfolgen die Reihenfolge ein und heben Sie sich „Erzähl mir alles“ für den Schluss auf. Alle übrigen Romane lassen sich frei einschieben.

Alle Romane von Elizabeth Strout in der Übersicht

Die Jahreszahlen beziehen sich auf die amerikanischen Originalausgaben. Die deutschen Erstausgaben sind überwiegend bei Luchterhand erschienen; verlinkt sind meist die btb-Taschenbücher, bei den neuesten Titeln die Luchterhand-Ausgaben.

Nr.Deutscher TitelOriginaltitelJahrZuordnung
1Amy & IsabelleAmy and Isabelle1998Einzelroman, Shirley Falls
2Bleib bei mirAbide with Me2006Einzelroman
3Mit Blick aufs MeerOlive Kitteridge2008Olive Kitteridge 1
4Das Leben, natürlichThe Burgess Boys2013Einzelroman, Shirley Falls
5Die Unvollkommenheit der LiebeMy Name Is Lucy Barton2016Lucy Barton 1
6Alles ist möglichAnything Is Possible2017Begleitband zu Lucy Barton
7Die langen AbendeOlive, Again2019Olive Kitteridge 2
8Oh, William!Oh William!2021Lucy Barton 2
9Am MeerLucy by the Sea2022Lucy Barton 3
10Erzähl mir allesTell Me Everything2024Lucy, Olive und Bob Burgess
11Die Dinge, die wir nicht sagenThe Things We Never Say2026Einzelroman

Die frühen Romane: Shirley Falls und ein Pastor in Maine

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

Strouts Debüt „Amy & Isabelle“ (1998) spielt während eines schwülen Sommers in Shirley Falls. Isabelle hat ihre Tochter allein großgezogen und lebt mit ihr in einer Enge, die keiner der beiden guttut. Als sich die sechzehnjährige Amy auf eine Affäre mit ihrem Mathematiklehrer einlässt, eskaliert die Lage, und Isabelle muss sich Gefühlen stellen, die sie sich lieber nicht eingestehen würde. Schon hier zeigt sich, was Strout ausmacht: genaue Beobachtung, wenig Handlungslärm, viel Unausgesprochenes. Der Roman steht für sich. Eine Verbindung entsteht erst zwei Jahrzehnte später, wenn Isabelle in „Die langen Abende“ wieder auftaucht. Es lohnt sich daher, das Debüt vor diesem Band zu lesen.

„Bleib bei mir“ (2006) ist der einzige Roman ohne erkennbare Verbindung zu den anderen Büchern. Im Mittelpunkt steht Tyler Caskey, Pastor einer kleinen Gemeinde in Maine, der nach dem Tod seiner Frau den Halt verliert und mit ihm allmählich auch das Vertrauen seiner Gemeinde. Strout beschreibt das Gefüge eines Ortes, in dem alle alles voneinander wissen und trotzdem wenig verstehen. Sie können den Roman jederzeit lesen, auch als Pause zwischen den Figurenfolgen.

Olive Kitteridge: der bekannteste Strang

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

Mit „Mit Blick aufs Meer“ (2008) gelang Strout der Durchbruch; 2009 erhielt sie dafür den Pulitzerpreis. Das Buch ist ein Roman in Erzählungen: Jede Geschichte stellt andere Bewohner von Crosby an der Küste von Maine in den Vordergrund, und durch fast alle geht Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathematiklehrerin, mal als Hauptfigur, mal nur im Vorbeigehen. Olive ist schroff, oft ungerecht, manchmal überraschend zärtlich – eine Figur, die man nicht mögen muss, um von ihr gefesselt zu sein. Unter dem Originaltitel „Olive Kitteridge“ wurde der Roman 2014 mit Frances McDormand als Miniserie verfilmt. Für viele ist das Buch der beste Einstieg in Strouts Werk überhaupt.

„Die langen Abende“ (2019) setzt die Geschichte fort. Olive ist älter geworden, längst jenseits der siebzig, und lässt sich auf eine späte Beziehung mit Jack Kennison ein, einem früheren Harvard-Professor, der wie sie mit seinen erwachsenen Kindern nicht mehr zurechtkommt. Auch dieser Band erzählt in Episoden und bindet mehr vom Strout-Kosmos ein als sein Vorgänger: In der Geschichte „Exiles“ kommen die Burgess-Brüder nach Crosby, und im Seniorenheim findet Olive in Isabelle Daignault eine Freundin – jener Isabelle aus „Amy & Isabelle“. Lesen Sie den Band unbedingt nach „Mit Blick aufs Meer“, denn Olives Entwicklung erschließt sich nur vor dem Hintergrund des ersten Buchs.

Die Burgess-Brüder: der Roman, der später zählt

„Das Leben, natürlich“ (2013) führt zurück nach Shirley Falls. Jim und Bob Burgess haben die Stadt längst gegen New York getauscht, Jim als erfolgreicher Anwalt, Bob als sein ewig unterlegener jüngerer Bruder. Als ihr Neffe einen Vorfall auslöst, der die somalische Gemeinde der Stadt trifft und landesweit Schlagzeilen macht, kehren beide widerwillig heim. Der Roman erzählt von Geschwisterrivalität, von Schuld, die eine Familie seit der Kindheit begleitet, und von einer Kleinstadt, die mit Zuwanderung umgehen muss.

Für sich ist das Buch eine abgeschlossene Familiengeschichte. Bob Burgess wird jedoch später zu einer Schlüsselfigur: In „Am Meer“ und „Erzähl mir alles“ ist er Lucy Bartons engster Vertrauter. Wenn Sie den Lucy-Strang bis zum Ende lesen wollen, sollten Sie diesen Roman deshalb vorher kennen, spätestens vor „Am Meer“.

Lucy Barton: vom Krankenhausbett bis nach Maine

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

„Die Unvollkommenheit der Liebe“ (2016) ist der kürzeste und vielleicht zugänglichste Strout-Roman, im Taschenbuch gut 200 Seiten lang. Lucy Barton, Schriftstellerin in New York, liegt wochenlang im Krankenhaus, als überraschend ihre Mutter an ihrem Bett sitzt, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Die beiden reden über Bekannte aus der alten Heimat, und zwischen den Sätzen wird eine Kindheit in Armut und Härte sichtbar. Strout erzählt aus Lucys Rückschau, knapp und mit großen Auslassungen. Wer Olive zu sperrig findet, steigt am besten hier ein.

„Alles ist möglich“ (2017) ist kein Fortsetzungsroman, sondern ein Begleitband. Die verbundenen Erzählungen spielen in und um Amgash, Illinois, bei den Menschen, von denen Lucy und ihre Mutter im Krankenhaus sprechen: bei einem Hausmeister, der an seinem Glauben zweifelt, bei Lucys Geschwistern und bei anderen, die nie fortgegangen sind. Lucy selbst tritt nur in einer Episode auf, wenn sie nach vielen Jahren ihre Familie besucht. Ihre volle Wirkung entfalten die Geschichten, wenn Sie den ersten Lucy-Roman kennen, deshalb gehört der Band unmittelbar dahinter.

Elizabeth Strout: Oh, William!

In „Oh, William!“ (2021) ist Lucy verwitwet und lebt weiterhin in New York. Ihr erster Ehemann William, mit dem sie zwei erwachsene Töchter hat und dem sie trotz Scheidung verbunden geblieben ist, bittet sie um Begleitung auf einer Reise nach Maine, wo er einem Geheimnis seiner Mutter nachgehen will. Daraus wird eine Rückschau auf eine Ehe, die nie ganz zu Ende gegangen ist. Der Roman stand 2022 auf der Shortlist des Booker Prize. Er ist auch ohne Vorwissen verständlich, gewinnt aber deutlich, wenn Sie Lucys Herkunft aus den beiden vorherigen Bänden kennen.

„Am Meer“ (2022) knüpft direkt an. Im März 2020 überredet William Lucy, New York zu verlassen; er hat ein abgelegenes Haus an der Küste von Maine gemietet, nahe Crosby. Aus ein paar Wochen werden Monate im Lockdown. Hier treffen Lucy-Strang und Maine-Kosmos zum ersten Mal aufeinander, und mit Bob Burgess findet Lucy einen Freund, mit dem sie offener sprechen kann als mit fast jedem anderen. Lesen Sie den Roman nach „Oh, William!“, sonst fehlt Ihnen die Grundlage für die Beziehung zwischen Lucy und William.

„Erzähl mir alles“: wo alle Fäden zusammenlaufen

Elizabeth Strout: Erzähl mir alles

„Erzähl mir alles“ (2024) ist der Roman, für den sich die Reihenfolge am meisten lohnt. Lucy lebt inzwischen mit William in Crosby. Bob Burgess, als Anwalt in einen Fall um eine verschwundene alte Frau verwickelt, begleitet sie auf langen Spaziergängen, bei denen beide über ihr Leben und verpasste Möglichkeiten sprechen. Und dann ist da Olive Kitteridge, um die neunzig, die im Seniorenheim lebt und Lucy zu sich bittet, um sich mit ihr Geschichten von Menschen zu erzählen, deren Leben unbeachtet geblieben ist. Das Buch kam 2025 auf die Shortlist des Women’s Prize for Fiction.

Theoretisch können Sie auch hier einsteigen. Der Roman setzt aber so viel voraus – Lucys Vergangenheit, Bobs Familiengeschichte, Olives lange Jahre in Crosby –, dass Ihnen ohne Vorkenntnis der größte Teil seiner Wirkung entgeht. Heben Sie ihn sich für den Schluss auf.

Der neue Roman: „Die Dinge, die wir nicht sagen“

Elizabeth Strout: Die Dinge, die wir nicht sagen

Mit „Die Dinge, die wir nicht sagen“ (Original: „The Things We Never Say“, 2026) verlässt Strout ihr vertrautes Personal. Im Mittelpunkt steht Artie Dam, Geschichtslehrer in Massachusetts, eine neue Hauptfigur ohne Bindung an den bisherigen Kosmos. Der Roman ist damit unabhängig von allen anderen Büchern lesbar. Der Roman steht auf der Shortlist des Booker Prize 2026. Die deutsche Übersetzung erscheint laut Deutscher Nationalbibliothek 2027 bei Luchterhand; bis dahin liegt nur das englische Original vor.

Zwei Wege für Einsteiger

Wenn Sie nicht chronologisch vorgehen möchten, bieten sich zwei Einstiege an, je nachdem, welcher Ton Ihnen mehr liegt:

  • Über Olive Kitteridge: Beginnen Sie mit „Mit Blick aufs Meer“, lesen Sie dann „Die langen Abende“. Wer die Verbindungen dieses Bandes ganz auskosten will, liest vorher „Amy & Isabelle“ und „Das Leben, natürlich“. Dieser Weg passt zu Lesern, die Episodenromane und ein breites Ensemble mögen.
  • Über Lucy Barton: Beginnen Sie mit „Die Unvollkommenheit der Liebe“, dann „Alles ist möglich“, „Oh, William!“ und „Am Meer“. „Das Leben, natürlich“ gehört vor „Am Meer“. Dieser Weg eignet sich für alle, die eine einzelne Erzählstimme und kürzere Bücher bevorzugen.

Beide Wege münden in „Erzähl mir alles“, das Sie erst lesen sollten, wenn Sie beide Stränge kennen. „Bleib bei mir“ und „Die Dinge, die wir nicht sagen“ können Sie an jeder beliebigen Stelle einschieben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Empfohlen: In der Reihenfolge der Originalausgaben lesen, von „Amy & Isabelle“ (1998) bis „Erzähl mir alles“ (2024).
  • Olive Kitteridge: „Mit Blick aufs Meer“ vor „Die langen Abende“.
  • Lucy Barton: „Die Unvollkommenheit der Liebe“, „Alles ist möglich“, „Oh, William!“, „Am Meer“ – in dieser Folge.
  • Sinnvoll vorher: „Amy & Isabelle“ vor „Die langen Abende“, „Das Leben, natürlich“ vor „Am Meer“.
  • Zum Schluss: „Erzähl mir alles“ führt Lucy, Olive und Bob Burgess zusammen.
  • Jederzeit: „Bleib bei mir“ und der neue Roman „Die Dinge, die wir nicht sagen“.
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