Die besten Bücher von Olivia Laing: Romane und Sachbücher für den Einstieg

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buchtipp.de Stimmungsbild für Autoren

Olivia Laing lässt sich schwer in ein Regal einsortieren. Ihre Bücher stehen mal bei den Sachbüchern, mal bei der Belletristik, und eigentlich passen sie in keine der beiden Abteilungen ganz. Die britische Autorin schreibt über Kunst, Literatur, Landschaft und Politik, aber fast immer geht sie dabei von sich selbst aus: von einer Lebenskrise, einer Wanderung, einem Garten, der sie nicht mehr loslässt. Das Persönliche ist bei ihr nie Selbstzweck, sondern der Weg, auf dem sie zu den großen Fragen kommt. Wie geht man mit Einsamkeit um? Was bedeutet es, einen Körper zu haben, der gesellschaftlich bewertet wird? Und gibt es so etwas wie einen guten Ort in einer beschädigten Welt?

Seit einigen Jahren schreibt Laing außerdem Romane, und auch die sind alles andere als konventionell. Dieser Überblick stellt sechs Bücher vor, die auf Deutsch vorliegen, und hilft Ihnen bei der Entscheidung, womit Sie anfangen.

Wie liest man Olivia Laing?

Eine feste Reihenfolge gibt es nicht. Jedes Buch steht für sich, und Sie können mit jedem beginnen. Hilfreich ist eher die Frage, was Sie suchen. Die Sachbücher verbinden eigene Erfahrungen mit Porträts von Künstlern, Schriftstellern und Denkern; sie sind essayistisch, gründlich recherchiert und lesen sich trotzdem wie erzählende Literatur. Die Romane dagegen sind freier, verspielter und teils deutlich kürzer.

Zwei wichtige Bücher fehlen in dieser Auswahl, weil sie bislang nicht auf Deutsch erschienen sind: „The Trip to Echo Spring“ (2013), ein Buch über Schriftsteller und den Alkohol, und die Essaysammlung „Funny Weather“ (2020). Wer gut Englisch liest, findet dort eine sinnvolle Ergänzung.

Der Klassiker: Die einsame Stadt

Olivia Laing: Die einsame Stadt

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Wenn Sie nur ein Buch von Laing lesen wollen, dann „Die einsame Stadt“. Es ist ihr bekanntestes Werk und zeigt am deutlichsten, wie sie arbeitet. Der Ausgangspunkt ist privat: Mitte dreißig folgt die Autorin einem Mann nach New York, die Beziehung scheitert kurz nach ihrer Ankunft, und plötzlich ist sie in einer der belebtesten Städte der Welt so allein wie nie zuvor.

Statt diese Erfahrung bloß zu beschreiben, sucht Laing nach Menschen, denen es ähnlich ging. Sie findet sie in der Kunstgeschichte der Stadt. Edward Hopper und sein berühmtes Bild der Nachtschwärmer am Tresen sind ein Bezugspunkt, Andy Warhol, David Wojnarowicz und Henry Darger sind weitere. Aus ihren Biografien und Werken entsteht eine Kulturgeschichte der Einsamkeit, die nie theoretisch wird, weil Laing ihr eigenes Erleben immer mitdenkt. Das Buch verklärt das Alleinsein nicht, macht es aber verständlicher: als Zustand, der schmerzt und zugleich den Blick für andere schärfen kann.

Die Taschenbuchausgabe bei btb hat gut 400 Seiten. Gerade wer sich für Kunst interessiert oder selbst einmal in einer fremden Stadt gestrandet ist, wird hier viel wiedererkennen.

Die Romanautorin

Crudo: der schnellste Einstieg

Olivia Laing: Crudo

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Mit gut 150 Seiten ist „Crudo“ das kürzeste Buch dieser Liste und Laings erster Roman. Kathy, eine Schriftstellerin, verbringt einen Sommer in einem Luxushotel in der Toskana, schwimmt, feiert und bereitet nebenbei ihre Hochzeit vor. Ganz geheuer ist ihr die Aussicht auf eine lebenslange Bindung allerdings nicht. Und die Idylle hat Risse, denn auf dem Smartphone laufen ständig neue Schreckensmeldungen ein: ein erstarkender Faschismus, die Klimakrise, eine Öffentlichkeit, in der Wahrheit kaum noch zählt.

Der Reiz des Romans liegt im Zusammenprall dieser Ebenen. Privates Glück und politische Katastrophenstimmung stehen ungefiltert nebeneinander, oft im selben Absatz. Das ist komisch und beklemmend zugleich, und Laing erzählt es in kurzen, rohen Sätzen, die dem Titel alle Ehre machen. Wer wissen möchte, wie sich die späten 2010er-Jahre in Echtzeit angefühlt haben, findet hier ein präzises Stimmungsbild. Weil das Buch so knapp ist, eignet es sich gut, um Laing auszuprobieren.

Buch der Träume: der neue Roman

Olivia Laing: Buch der Träume

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2026 ist bei Insel „Buch der Träume“ erschienen, und der Roman zeigt, wie weit sich Laing als Erzählerin seit „Crudo“ entwickelt hat. Statt einer Momentaufnahme der Gegenwart entwirft sie hier eine Geschichte im Italien der 1970er-Jahre. In Venedig lernt ein junger englischer Künstler, der ohne Geld aus London fortgegangen ist, Danilo Donati kennen, den Kostüm- und Szenenbildner, der für Fellini und Pasolini gearbeitet hat. Zwischen den beiden Männern entsteht eine Liebesbeziehung, die sie nach Rom und in die Studios von Cinecittà führt.

Die Glamourwelt des Kinos ist dabei nur die eine Seite. Italien steckt mitten in den Bleiernen Jahren, einer Zeit politischer Gewalt, und je tiefer die beiden in ihr Leben aus Arbeit, Rausch und Begehren eintauchen, desto bedrohlicher wird die Atmosphäre. Laing verbindet hier Themen, die ihr Werk von Anfang an begleiten: Kunst als Lebensform, queeres Begehren, das Verhältnis von Macht und Illusion. Mit knapp 270 Seiten ist der Roman umfangreicher als das Debüt, bleibt aber gut überschaubar. Für Leser, die Laing bisher nur als Sachbuchautorin kennen, ist er eine Entdeckung.

Landschaft, Körper, Garten: die weiteren Sachbücher

Zum Fluss: der Geheimtipp für Naturliebhaber

Olivia Laing: Zum Fluss

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Ihr erstes Buch ist hierzulande das am wenigsten bekannte, und gerade deshalb lohnt der Hinweis. In „Zum Fluss“ folgt Laing an einem Mittsommertag der Ouse in Südengland, von der Quelle bis zur Mündung ins Meer. Es ist der Fluss, in dem sich Virginia Woolf 1941 das Leben nahm, und die Schriftstellerin ist auf dieser Wanderung ständig präsent.

Doch das Buch ist mehr als eine literarische Spurensuche. Laing beobachtet genau, was am Ufer wächst und lebt, wie das Wasser seine Farbe wechselt, welche Geschichte sich in Dörfern und Feldern abgelagert hat. Daraus entsteht ein Text über das Gedächtnis von Landschaften und die Frage, wie Orte die Menschen bewahren, die dort gelebt haben. Wer Nature Writing schätzt, also die britische Tradition des genauen Schreibens über Natur, oder gern Reiseliteratur mit literarischem Hintergrund liest, sollte dieses Buch nicht übersehen. Schon hier ist die Mischung aus Erleben, Recherche und Reflexion zu erkennen, die Laings spätere Bücher prägt, wenn auch ruhiger und melancholischer im Ton.

Everybody: das politischste Buch

Olivia Laing: Everybody

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Der Untertitel von „Everybody“ gibt die Richtung vor: „Warum unser Körper politisch ist“. Laing erzählt darin eine Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive des Körpers, genauer: des Ringens darum, über den eigenen Körper selbst bestimmen zu können. Roter Faden ist der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, dessen Leben vom Berlin der Weimarer Republik bis in ein amerikanisches Gefängnis führte und dessen Theorien Laing kritisch, aber neugierig betrachtet.

Von ihm aus spannt sie den Bogen weit: zu Sigmund Freud, zu Nina Simone, Susan Sontag und Malcolm X, zur Bürgerrechtsbewegung, zum Feminismus, zur sexuellen Befreiung und zu den LGBTQ-Bewegungen, zu Krankheit und Gesundheitskrisen. Eigene Erfahrungen, etwa aus Protestbewegungen, fließen ebenfalls ein. Das Ergebnis ist das anspruchsvollste Buch dieser Auswahl, dichter und thematisch breiter als „Die einsame Stadt“. Es setzt etwas Geduld voraus, beantwortet aber am klarsten, worum es Laing im Kern geht: um Freiheit und die Kräfte, die sie einschränken. Lesen Sie es am besten, wenn Sie schon ein anderes Buch der Autorin kennen.

Der Garten und die Zeit: das hoffnungsvolle Gegenstück

Olivia Laing: Der Garten und die Zeit

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Im Jahr 2020 beginnt Laing, einen verwilderten, alten Garten in Suffolk wiederherzurichten. Davon erzählt „Der Garten und die Zeit“, erschienen 2025 bei S. Fischer. Wie immer bei ihr bleibt es nicht beim persönlichen Projekt. Von den eigenen Beeten aus erkundet sie die Kulturgeschichte des Gartens, von Paradiesvorstellungen über reale und erträumte Anlagen bis zu Gemeinschaften, die im Garten neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert haben.

Dabei fragt sie auch, wer für schöne Gärten bezahlt hat, denn manches Idyll wurde zu einem hohen, mitunter erschreckenden Preis geschaffen. Trotzdem ist das Buch im Grundton zuversichtlicher als „Everybody“: Der Garten erscheint als Ort, an dem Veränderung möglich bleibt, als kleine Utopie im Maßstab eines Grundstücks. Wer „Zum Fluss“ mochte, wird die genaue Naturbeobachtung wiederfinden, diesmal sesshaft statt unterwegs. Und wer selbst gärtnert, wird das Buch vermutlich mit einem anderen Blick auf die eigenen Pflanzen zuschlagen.

Alle Bücher im Überblick

TitelArtSeiten*Besonders geeignet für
Die einsame StadtSachbuch, Memoir410den Einstieg, Kunstinteressierte
CrudoRoman153einen schnellen ersten Eindruck
Buch der TräumeRoman268Leser historischer Liebesgeschichten
Zum FlussNature Writing377Freunde von Landschafts- und Reiseliteratur
EverybodySachbuch383politisch und historisch Interessierte
Der Garten und die ZeitSachbuch, Essay382Gartenliebhaber, ruhige Leser

*Seitenzahl der jeweils verlinkten Ausgabe.

Womit sollten Sie anfangen?

Für die meisten Leser ist „Die einsame Stadt“ der beste Einstieg. Das Buch zeigt Laings Stärken in voller Breite und ist trotz seines Umfangs zugänglich. Wenn Sie lieber mit Fiktion beginnen oder wenig Zeit haben, greifen Sie zu „Crudo“; an einem langen Abend ist der Roman gelesen. Hat er Ihnen gefallen, ist „Buch der Träume“ der logische nächste Schritt.

Wer eher über Natur und Orte lesen möchte, findet mit „Zum Fluss“ und „Der Garten und die Zeit“ zwei Bücher, die sich wunderbar ergänzen: das eine unterwegs am Wasser, das andere verwurzelt in einem einzigen Garten. „Everybody“ schließlich ist das Buch für alle, die tiefer einsteigen möchten. Es verlangt am meisten, macht aber auch am deutlichsten, was Laings Werk über alle Gattungsgrenzen hinweg zusammenhält: die Frage, wie Menschen in einer oft feindlichen Welt frei und verbunden leben können.

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