In Großbritannien schreibt Maggie O’Farrell seit Anfang der 2000er-Jahre erfolgreiche Romane, einem breiten Publikum auch hierzulande bekannt wurde sie aber erst mit einem Buch über die Familie Shakespeares, der 2020 den Women’s Prize for Fiction gewann und inzwischen auch im Kino ein großes Publikum gefunden hat. Dahinter steht ein Werk, das deutlich breiter ist als die zwei Renaissance-Romane: Familiengeschichten mit verschachtelten Zeitebenen, ein ungewöhnliches autobiografisches Buch, ein großer irischer Roman und sogar ein Bilderbuch.
Bestimmte Fragen kehren in all diesen Büchern wieder. Was hält eine Familie zusammen, wenn eines ihrer Mitglieder verschwindet oder stirbt? Wie viel bleibt von einem Menschen übrig, über den nicht gesprochen wird? Und wie fühlt es sich an, dem Tod knapp zu entkommen? Die folgende Auswahl stellt zehn Bücher vor und sagt Ihnen, für wen sich welches eignet.
Die großen historischen Romane
Judith und Hamnet: der beste Einstieg

An Judith und Hamnet führt kein Weg vorbei. Der Roman spielt im Stratford-upon-Avon des späten 16. Jahrhunderts und rückt eine Frau ins Zentrum, die in der Literaturgeschichte meist nur als Randnotiz vorkommt: die Ehefrau des berühmten Dramatikers, hier Agnes genannt. Sie heiratet einen jungen Lateinlehrer, bekommt drei Kinder und hält den Haushalt zusammen, während ihr Mann in London fürs Theater arbeitet. Dann erkrankt die Tochter Judith an der Pest, und ihr Zwillingsbruder Hamnet ist es, der die Krankheit nicht überlebt.
Bemerkenswert ist, wie konsequent O’Farrell die Perspektive verschiebt. Der Name Shakespeare fällt im ganzen Buch nicht, der Vater bleibt eine Figur unter vielen. Im Mittelpunkt stehen Agnes, eine eigenwillige Frau mit Gespür für Heilpflanzen und für Menschen, und die Frage, wie eine Familie mit dem Verlust eines Kindes weiterlebt. Erst gegen Ende stellt der Roman die Verbindung zu dem Stück her, das den Namen des toten Sohnes in leicht veränderter Form trägt. Die deutsche Taschenbuchausgabe bei Piper hat gut 400 Seiten. Die Verfilmung wurde bei den Golden Globes als bester Film ausgezeichnet, die Hauptdarstellerin ebenfalls. Lesen Sie das Buch trotzdem zuerst: Die Sprache, mit der O’Farrell Gerüche, Kräuter und Stimmungen einfängt, lässt sich nicht verfilmen.
Porträt einer Ehe: Renaissance als psychologisches Drama

Wer nach „Judith und Hamnet“ mehr in dieser Art sucht, ist mit Porträt einer Ehe am besten bedient. Wieder geht es um eine historische Frau, über die wenig überliefert ist: Lucrezia de‘ Medici, Tochter Cosimos I. de‘ Medici. Sie wächst im Florentiner Palast auf, eher übersehen als behütet, zeichnet lieber, als sich den Erwartungen des Hofes zu fügen, und wird noch als Kind dem Herzog von Ferrara versprochen. Als junge Ehefrau kommt sie an dessen Hof und muss bald erkennen, dass ihr Leben von seinem Wohlwollen abhängt.
O’Farrell erzählt auf zwei Zeitebenen, und von Beginn an liegt eine bedrohliche Spannung über dem Geschehen, denn Lucrezia ahnt, dass ihr Mann sie töten will. Ob sie sich irrt, hält der Roman lange in der Schwebe. Wichtiger als die historische Rekonstruktion ist das Innenleben einer jungen Frau, die zwischen Macht und dynastischen Interessen nach eigenem Spielraum sucht. Mit über 460 Seiten ist das Buch etwas länger und im Ton dunkler als der Vorgänger.
Land: der neue Roman

2026 ist Land erschienen, mit knapp 570 Seiten das umfangreichste der hier vorgestellten Bücher. Er beginnt 1865 im Westen Irlands, auf einer Halbinsel am Atlantik. Tomás und sein Sohn Liam vermessen dort das Land für den Ordnance Survey, die staatliche Kartierung der Insel. Die Große Hungersnot liegt erst wenige Jahrzehnte zurück, ganze Landstriche sind verlassen. Für Tomás werden die Karten zu einer Aufgabe, die über das Amtliche hinausgeht: Sie sollen festhalten, was die Katastrophe hinterlassen hat. Diese Idee verändert das Leben seiner ganzen Familie, die künftig auf diesem Stück Erde verwurzelt ist.
Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, und eine Rolle spielt auch ein alter Hain, in dem Vergangenes nicht ganz zur Ruhe kommt. Irland war schon in früheren Büchern ein Schauplatz, doch so ganz hat sich die 1972 in Nordirland geborene Autorin der Geschichte der Insel bisher nicht gewidmet. „Land“ ist nichts für zwischendurch, aber für alle, die sich gern auf eine weit gespannte Familiengeschichte einlassen.
Gegenwart und Erinnerung
Hier muss es sein: eine Ehe über Kontinente hinweg

Bevor sie sich der Renaissance zuwandte, hatte O’Farrell mit Hier muss es sein (Original 2016) ihren vielleicht kunstvollsten Gegenwartsroman geschrieben. Im Zentrum stehen Daniel, ein Linguist aus Brooklyn, und Claudette, eine frühere Filmschauspielerin, die ihre Karriere abrupt beendet hat und mit ihrem Sohn zurückgezogen in Donegal lebt. Daniel zieht zu ihr. Doch als er vom Tod einer Frau erfährt, mit der er vor langer Zeit zusammen war, holt ihn eine alte Schuld ein, und das gemeinsame Leben gerät ins Wanken.
Was das Buch auszeichnet, ist seine Bauweise. Die Kapitel wechseln Erzähler, Ort und Jahr, mal hören Sie Daniel, mal Claudette, mal Nebenfiguren aus ganz anderen Lebensphasen. Aus diesen Bruchstücken setzt sich nach und nach das Bild einer Ehe zusammen, mit all ihren Brüchen und Neuanfängen. Wer O’Farrell nur von den historischen Büchern kennt, lernt hier eine Autorin kennen, die mit Zeit und Perspektive sehr frei umgeht.
Ich bin, ich bin, ich bin: das Memoir

Ein ganz anderes Buch ist Ich bin, ich bin, ich bin, im Untertitel „17 Berührungen mit dem Tod“. O’Farrell erzählt darin nicht ihr Leben von Anfang bis Ende, sondern greift siebzehn Situationen heraus, in denen sie dem Tod nahe war. Als Achtjährige überlebt sie nur knapp eine schwere Virusinfektion, als Jugendliche bringt sie sich durch eine leichtsinnige Entscheidung in Gefahr, als junge Frau hat sie im Lake District eine beklemmende Begegnung mit einem Fremden, und bei der Geburt ihres ersten Kindes gerät sie in einem schlecht besetzten Krankenhaus in Lebensgefahr.
Die Kapitel sind nicht chronologisch angeordnet und lassen sich einzeln lesen, was das Buch zugänglich macht. Der Titel greift eine Zeile aus Sylvia Plaths „Die Glasglocke“ auf, den Herzschlag als Beweis, noch am Leben zu sein. Wer die Romane kennt, entdeckt hier vieles wieder: die Aufmerksamkeit für körperliche Verletzlichkeit, die Angst um Kinder, das Wissen, wie schnell ein Leben eine andere Richtung nehmen kann. Mit rund 250 Seiten ist das Memoir ein besonderer Tipp für alle, die die Autorin hinter den Büchern verstehen möchten.
Die frühen Romane: Familiengeheimnisse und verschränkte Zeiten
Die Frau, die es nicht gab: kurz und packend

Wenn Sie O’Farrell zunächst mit einem kürzeren Buch ausprobieren möchten, greifen Sie zu Die Frau, die es nicht gab. Der Roman hat gut 250 Seiten und beginnt mit einem Brief, der die junge Iris Lockhart erreicht: Sie soll ihre Großtante Esme aus einer psychiatrischen Klinik abholen, die geschlossen wird. Iris hat von dieser Frau noch nie gehört. Esme lebt seit mehr als sechzig Jahren in der Anstalt, und warum sie dort hineinkam, hat in der Familie niemand je erwähnt.
Stück für Stück, aus mehreren Blickwinkeln und Zeitebenen, setzt sich eine Geschichte zusammen, die in den 1930er-Jahren beginnt. Es geht um ein Mädchen, das nicht in die Rolle passte, die ihre Familie für sie vorgesehen hatte. Das Buch ist spannend wie ein Roman über ein Familiengeheimnis, aber auch eine bittere Geschichte über das Schicksal von Frauen, die als unbequem galten.
Der Sommer, als der Regen ausblieb: ein Vater verschwindet

Leichter im Ton, ohne oberflächlich zu sein, ist Der Sommer, als der Regen ausblieb. London im Hitzesommer 1976: Robert Riordan verlässt morgens wie gewohnt das Haus, um die Zeitung zu holen, und kehrt nicht zurück. Seine Frau Gretta ruft die erwachsenen Kinder zu Hilfe: Michael Francis und die beiden Schwestern Monica und Aoife, die miteinander im Streit liegen. Unter einem Dach treffen alte Konflikte aufeinander.
Die Suche nach dem Vater ist eher Anlass als eigentliches Thema. Der Roman handelt davon, was Geschwister einander verschweigen und wie Familien Geheimnisse über Jahrzehnte weitergeben. O’Farrell erzählt abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Familienmitglieder, sodass Sie jede Figur auch von innen kennenlernen. Ein gut zugänglicher Familienroman, ideal als Sommerlektüre.
Die Hand, die damals meine hielt: zwei Frauen, fünfzig Jahre
Mit Die Hand, die damals meine hielt gewann O’Farrell 2010 den Costa Novel Award, eine der wichtigsten britischen Literaturauszeichnungen. In Deutschland ist das Buch dennoch weniger bekannt. Zwei Handlungsstränge laufen nebeneinander her: Im London der 1960er-Jahre stürzt sich die junge Lexie Sinclair ins Leben und findet in dem weltgewandten Innes Kent ihre große Liebe. In der Gegenwart sind die Malerin Elina und ihr Partner Ted gerade Eltern geworden, doch die schwierige Geburt und ein Geheimnis aus Teds Vergangenheit überschatten das Glück.
Wie die beiden Geschichten zusammenhängen, ahnt man irgendwann, die Auflösung trifft trotzdem. Eindrücklich ist auch, wie offen O’Farrell von der Erschöpfung junger Eltern erzählt. Wer die verschränkten Zeitebenen in „Hier muss es sein“ mochte, findet hier eine frühere, geradlinigere Variante desselben Prinzips.
Bevor wir uns trafen: für Entdecker

Noch weiter zurück führt Bevor wir uns trafen, einer ihrer frühen Romane. Stella verlässt London fluchtartig und zieht sich in ein entlegenes Hotel in Schottland zurück, getrieben von einem Erlebnis aus ihrer Kindheit, das sie bis heute verfolgt. Jake kommt aus Hongkong nach Großbritannien, frisch verheiratet unter unglücklichen Umständen und auf der Suche nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. In jenem Hotel begegnen sich die beiden.
Der Roman ist noch eindeutiger eine Liebesgeschichte als die späteren Bücher, zeigt aber bereits vieles, was O’Farrell auszeichnet: Figuren mit einer verborgenen Vergangenheit, Rückblenden, die erst allmählich ihre Bedeutung preisgeben, und ein feines Gespür für Orte. Für Leser, die das Werk vollständig kennenlernen möchten, ist das Buch eine lohnende Ergänzung.
Zum Vorlesen: Lina und der Schnee-Engel

Zum Schluss eine Überraschung: Mit Lina und der Schnee-Engel hat O’Farrell ihr erstes Kinderbuch geschrieben, auf Deutsch bei DK erschienen und von Daniela Jaglenka Terrazzini illustriert. Die kleine Lina ist krank, als nachts ein großer weißer Engel in ihrem Zimmer steht und verspricht, über sie zu wachen. Als sie Monate später wieder gesund ist, will sie ihn wiederfinden und möchte am liebsten, dass alle Menschen, die sie liebt, einen eigenen Schutzengel bekommen.
Das schön ausgestattete Bilderbuch richtet sich an Kinder ab fünf Jahren und eignet sich gut als Gute-Nacht-Geschichte in der Winterzeit. Auffällig ist, dass auch hier ein Motiv aus O’Farrells Büchern für Erwachsene anklingt: die schwere Krankheit eines Kindes und die Erfahrung, sie zu überstehen.
Alle Bücher im Überblick
| Titel | Originaltitel | Art | Für wen? |
|---|---|---|---|
| Judith und Hamnet | Hamnet | Historischer Roman | Der beste erste O’Farrell |
| Porträt einer Ehe | The Marriage Portrait | Historischer Roman | Wer „Hamnet“ mochte |
| Land | Land | Roman | Leser großer Familienepen |
| Hier muss es sein | This Must Be the Place | Roman | Freunde komplexer Erzählformen |
| Ich bin, ich bin, ich bin | I Am, I Am, I Am | Memoir | Wer die Autorin kennenlernen will |
| Die Frau, die es nicht gab | The Vanishing Act of Esme Lennox | Roman | Kurzer, spannender Einstieg |
| Der Sommer, als der Regen ausblieb | Instructions for a Heatwave | Roman | Leser von Familienromanen |
| Die Hand, die damals meine hielt | The Hand That First Held Mine | Roman | Wer verschränkte Zeitebenen mag |
| Bevor wir uns trafen | The Distance Between Us | Roman | Wer das Frühwerk entdecken will |
| Lina und der Schnee-Engel | Where Snow Angels Go | Bilderbuch | Kinder ab 5 Jahren |
Womit sollten Sie anfangen?
Für die meisten Leser ist „Judith und Hamnet“ der richtige Einstieg, gerade wenn Sie den Film gesehen haben oder sehen möchten. Hat Ihnen der Roman gefallen, ist „Porträt einer Ehe“ die naheliegende Fortsetzung, und „Land“ zeigt, wohin sich O’Farrell inzwischen entwickelt hat. Wenn Sie lieber mit etwas Kürzerem beginnen, ist „Die Frau, die es nicht gab“ eine gute Wahl. Für Gegenwartsliteratur mit kunstvoller Konstruktion steht „Hier muss es sein“, für einen warmherzigen Familienroman „Der Sommer, als der Regen ausblieb“. Und wer verstehen möchte, warum Verletzlichkeit und Verlust in all diesen Büchern so präsent sind, sollte „Ich bin, ich bin, ich bin“ lesen.
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