Wer Karl May lesen möchte, merkt schnell, dass sein Werk nicht einfach durchnummeriert ist. Die grünen Bände des Karl-May-Verlags zählen zwar von 1 aufwärts, doch diese Zählung folgt weder der Handlung noch der Entstehung. Dahinter stehen mehrere voneinander unabhängige Erzählkreise, allen voran die Abenteuer im Wilden Westen um Winnetou und Old Shatterhand und die Reisen durch den Orient mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar.
Die gute Nachricht: Feste Regeln gibt es nur wenige. Dieser Beitrag zeigt, welche Bände Sie unbedingt nacheinander lesen sollten, wo Sie freie Wahl haben, und stellt eine Einsteiger-Reihenfolge vor, die mit dem bekanntesten Stoff beginnt und mit Mays Alterswerk endet. Wer lieber der Entstehungsgeschichte folgt, findet weiter unten auch die Reihenfolge der Veröffentlichung.
Kurz gesagt: Was muss man bei Karl May beachten?
Den Kern bilden zwei Reihen und ein Einzelwerk:
- Die Winnetou-Reihe: Die ersten drei Bände erschienen 1893 bei Friedrich Ernst Fehsenfeld und bauen eng aufeinander auf. Ein vierter Band folgte 1910 – Mays letzter vollendeter Roman, der beim Karl-May-Verlag seit 1914 „Winnetous Erben“ heißt.
- Der Orientzyklus: sechs Bände, die eine einzige, zusammenhängende Verfolgungsjagd erzählen, von der tunesischen Wüste bis nach Albanien.
- „Der Schatz im Silbersee“: eine eigenständige Jugenderzählung mit Winnetou und Old Shatterhand, die kein Vorwissen voraussetzt.
Innerhalb der Reihen gilt: der Reihe nach lesen. Winnetou I, II und III gehören in genau diese Folge, schon weil der dritte Band vom Tod des Apatschenhäuptlings erzählt. Auch den Orientzyklus sollten Sie mit Band 1 beginnen und mit Band 6 beenden. Zwischen den Reihen dagegen gibt es keine zwingende Abfolge. Ob Sie zuerst nach Amerika oder in den Orient reisen, ist Geschmackssache. Wer neugierig ist: Hinter Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi steht derselbe Ich-Erzähler, der unter verschiedenen Namen auftritt.
Alle Bücher auf einen Blick
| Nr. | Titel | Reihe | Erstmals als Buch | Ausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Winnetou I | Winnetou, Band 1 | 1893 | Gesammelte Werke, Bd. 7 | 543 |
| 2 | Winnetou II | Winnetou, Band 2 | 1893 | Gesammelte Werke, Bd. 8 | 559 |
| 3 | Winnetou III | Winnetou, Band 3 | 1893 | Gesammelte Werke, Bd. 9 | 558 |
| 4 | Der Schatz im Silbersee | Einzelwerk | 1894 | Gesammelte Werke, Bd. 36 | 518 |
| 5 | Durch die Wüste | Orientzyklus, Band 1 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 1 | 554 |
| 6 | Durchs wilde Kurdistan | Orientzyklus, Band 2 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 2 | 559 |
| 7 | Von Bagdad nach Stambul | Orientzyklus, Band 3 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 3 | 556 |
| 8 | In den Schluchten des Balkan | Orientzyklus, Band 4 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 4 | 535 |
| 9 | Durch das Land der Skipetaren | Orientzyklus, Band 5 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 5 | 520 |
| 10 | Der Schut | Orientzyklus, Band 6 | 1892 | Gesammelte Werke, Bd. 6 | 590 |
| 11 | Winnetou IV | Winnetou, Band 4 | 1910 | Gröls Verlag 2022 | 356 |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die hier verlinkten Ausgaben. Der Orientzyklus war vor der Buchausgabe bereits zwischen 1881 und 1888 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Deutscher Hausschatz“ erschienen, der „Silbersee“ 1890/91 in „Der gute Kamerad“.
Die empfohlene Reihenfolge für Einsteiger
Winnetou I bis III: der Kern des Wildwest-Werks
Mit keinem anderen Stoff ist Karl May so eng verbunden wie mit Winnetou. Deshalb steht die Trilogie hier am Anfang: Sie erzählt, wie die berühmteste Freundschaft der deutschen Abenteuerliteratur entsteht, und liefert die Figuren und Vorgeschichten, auf die viele andere Erzählungen zurückgreifen.

Winnetou I beginnt mit einem jungen Deutschen, der unerfahren in den Westen Nordamerikas kommt und sich dort seinen Kampfnamen Old Shatterhand erst verdient. Er trifft auf Winnetou, den Häuptling der Apatschen; aus anfänglicher Feindschaft wird Blutsbrüderschaft. Den dramatischen Wendepunkt setzt der Bandit Santer, der aus Gier nach Gold Winnetous Vater Intschu-tschuna und seine Schwester Nscho-tschi ermordet. Die Jagd nach dem Mörder zieht sich als roter Faden durch die folgenden Bände. Der Karl-May-Verlag legt hier die von Hans Wollschläger revidierte Fassung von 1960 zugrunde.

Winnetou II knüpft direkt an. Neue Westmänner treten auf, darunter der Fährtenleser Old Death und der Trapper Old Firehand, und die drei Gefährten aus dem ersten Band, Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker, tauchen wieder auf. Wer den Auftakt kennt, hat an diesen Wiedersehen deutlich mehr Freude.

Winnetou III führt zu den Komantschen und nach Kalifornien, vor allem aber zum Ende des Apatschen. Sein Tod und das Testament, das er hinterlässt, schließen die ursprüngliche Trilogie ab. Dieser Band entfaltet seine Wirkung nur, wenn man die beiden vorigen kennt; lesen Sie ihn deshalb auf keinen Fall vorab.
Der Schatz im Silbersee: ein Abstecher ohne Vorwissen

Nach dem schweren Ende von „Winnetou III“ bietet sich Der Schatz im Silbersee als Abstecher an, mit Winnetou und Old Shatterhand in einem für sich stehenden Abenteuer. Eine Bande von Tramps unter dem „Roten Cornel“ Brinkley ist hinter einem sagenhaften Schatz her. Auf demselben Weg sind Old Firehand, der mit einem Ingenieur eine Silberader untersuchen will, und der Detektiv „Tante Droll“ unterwegs. Die Helden stellen sich auf die Seite von Farmern und Indianern, die von den Banditen bedroht werden, bis sich alles am Silbersee entscheidet.
May schrieb die Geschichte für junge Leser, und das merkt man: Die Handlung ist geradlinig, die Figurenzahl überschaubar. Damit eignet sich der Band auch als Alternative zum Einstieg, etwa für jüngere Leser oder alle, die vor drei Bänden mit je über 500 Seiten zurückschrecken. Er setzt nichts voraus und nimmt aus der Trilogie nichts Wesentliches vorweg.
Der Orientzyklus: eine Verfolgungsjagd in sechs Bänden
Danach wechselt der Schauplatz. Der Orientzyklus ist keine Sammlung einzelner Abenteuer, sondern eine durchgehende Geschichte, die May über sechs Bände ausdehnt. Sie können sie auch vor oder ganz ohne Winnetou lesen; eine Verbindung zur Wildwest-Handlung gibt es nicht. Innerhalb des Zyklus aber sollten Sie die Reihenfolge einhalten, denn jeder Band setzt dort ein, wo der vorige aufhört.

Durch die Wüste stellt das Gespann vor, das den ganzen Zyklus trägt: den Ich-Erzähler, hier Kara Ben Nemsi genannt, und seinen redseligen, treuen Begleiter Hadschi Halef Omar. Ein Leichenfund an den Salzseen Nordafrikas setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die erst im sechsten Band zu Ende kommt. In der ersten Buchausgabe bei Fehsenfeld hieß der Band noch „Durch Wüste und Harem“.

In Durchs wilde Kurdistan stößt der exzentrische Engländer Sir David Lindsay dazu, der für viel Komik sorgt. Die Reisenden kommen zu den Jesiden, die von ihrer Umgebung als „Teufelsanbeter“ verachtet werden, und müssen den Sohn ihres Gastfreundes, Scheik Mohammed Emin, aus der Festung Amadije befreien.

In Von Bagdad nach Stambul wird die Reise lebensgefährlich: Bei einer Todeskarawane erkranken Kara Ben Nemsi und Halef schwer, und bei den Ruinen von Baalbek begegnen sie einem Gegner wieder, den sie schon kennen.

Mit In den Schluchten des Balkan beginnt die zweite Hälfte des Zyklus, und die Handlung verlagert sich nach Europa. Von Edirne aus reiten Kara Ben Nemsi und Halef mit neuen Gefährten, Osko und Omar Ben Sadek, in die Berge. Es geht um Schmuggler, um ein komisches Missgeschick Halefs in einem Taubenschlag und um den angeblich heiligen Mübarek, der sich als gefährlicher Gegenspieler entpuppt.

Durch das Land der Skipetaren bringt die Verfolger den Verbrechern näher. Unterwegs geraten sie an die gefürchteten Brüder Aladschy, entgehen in der „Schluchthütte“ knapp einer Falle und erleben im „Turm der alten Mutter“ eine Episode, die Spannung und Humor verbindet.

Der Schut ist das Finale. Nach der Teufelsschlucht und der Juwelenhöhle steht Kara Ben Nemsi schließlich dem Anführer der Verbrecherbande gegenüber, dem titelgebenden Schut. In Albanien endet die Jagd, die so viele Hundert Seiten zuvor in der tunesischen Wüste begonnen hat. Mit 590 Seiten ist es zugleich der umfangreichste Band dieser Liste.
Winnetou IV: das Alterswerk zum Schluss

Rein nach der Nummer würde Winnetou IV direkt hinter den dritten Band gehören. Trotzdem lohnt es sich, ihn bis zuletzt aufzuheben. Zwischen ihm und der Trilogie liegen 17 Jahre, und das ist dem Buch anzumerken. Der Erzähler ist nun ein alter Mann, der in Radebeul lebt. Mit seiner Frau Klara folgt er einer Einladung zu einem geheimen Treffen am „Mount Winnetou“ in Amerika. Dort gerät er in ein Komplott alter Feinde der Apatschen, das sich an einem geplanten Denkmal für Winnetou entzündet.
May verarbeitet hier seine eigene Amerikareise von 1908, und er erzählt symbolischer und versöhnlicher als in den frühen Romanen. Weil Figuren aus mehreren älteren Büchern zurückkehren, darunter Old Surehand, Apanatschka und Tangua, wirkt das Buch am stärksten, wenn Sie schon möglichst viel von May kennen. Als Abschluss einer Karl-May-Lektüre ist es deshalb ideal, als Einstieg dagegen kaum geeignet.
Die Reihenfolge der Veröffentlichung
Wer verfolgen möchte, wie sich Mays Schreiben entwickelt hat, liest in der Folge der ersten Veröffentlichung. Dann sieht die Reihenfolge ganz anders aus:
- Orientzyklus („Durch die Wüste“ bis „Der Schut“): ab 1881 als Fortsetzungsroman, als Buch 1892
- „Der Schatz im Silbersee“: Vorabdruck 1890/91, als Buch 1894
- „Winnetou I“ bis „Winnetou III“: 1893
- „Winnetou IV“: 1910
Der Orientzyklus ist also deutlich älter als die Winnetou-Trilogie, obwohl er heute weniger bekannt ist. Für einen ersten Zugang empfehlen wir trotzdem die Einsteiger-Reihenfolge: Sie beginnt mit der Geschichte, die den meisten Lesern schon ein Begriff ist, und hebt das ungewöhnlichste Buch für den Schluss auf.
Welche Ausgabe ist die richtige?
Zehn der elf Titel sind hier als grüne Bände der „Gesammelten Werke“ verlinkt, die der Karl-May-Verlag in Bamberg herausgibt. Diese Ausgaben sind die verbreitetsten, aber es sind bearbeitete Fassungen, die vom ursprünglichen Wortlaut abweichen können; bei „Winnetou I“ weist der Verlag selbst auf die Revision durch Hans Wollschläger hin. Wer Wert auf die Bandnummern legt: In dieser Ausgabe trägt der Orientzyklus die Nummern 1 bis 6, die Winnetou-Trilogie die Nummern 7 bis 9 und „Der Schatz im Silbersee“ die Nummer 36. Der vierte Winnetou-Band gehört dort unter dem Titel „Winnetous Erben“ als Band 33 dazu, war aber nicht in einer aktuellen Ausgabe auffindbar. Wir verlinken deshalb die Ausgabe des Gröls Verlags, die den Roman unter seinem ursprünglichen Titel bringt.
Wie geht es danach weiter?
Mit diesen elf Bänden kennen Sie die wichtigsten Erzählkreise Karl Mays, aber noch lange nicht alles. Wer Old Surehand in „Winnetou IV“ begegnet ist, kann seine Geschichte in „Old Surehand“ nachlesen. Weitere naheliegende Stationen sind „Satan und Ischariot“ und „Im Reiche des silbernen Löwen“.
Fazit: Womit sollten Sie anfangen?
Beginnen Sie mit „Winnetou I“ und lesen Sie die Trilogie am Stück. Ist Ihnen das zu viel auf einmal, greifen Sie zuerst zum „Silbersee“, der ohne jede Vorkenntnis funktioniert. Den Orientzyklus können Sie danach oder auch unabhängig davon lesen, nur eben vollständig und in der richtigen Folge. Und „Winnetou IV“ heben Sie sich für den Schluss auf: Erst dann zeigt das späte Buch, wie viel aus Mays früheren Abenteuern darin nachklingt.
Kommentar verfassen