Spätestens seit dem Georg-Büchner-Preis 2026 ist Christine Wunnicke keine Geheimtipp-Autorin mehr. Wer sie jetzt entdeckt, steht allerdings vor einem Werk, das sich über fast drei Jahrzehnte und mehrere Verlage verteilt: Manche Bücher gibt es in frischen Taschenbuchausgaben, andere nur noch antiquarisch. Wir stellen alle Romane in der Reihenfolge ihrer Erstausgaben vor, dazu einen biografischen Abstecher, und sagen Ihnen, womit Sie am besten beginnen.
Gibt es eine Lesereihenfolge?
Nein. Wunnicke schreibt keine Reihen, jedes Buch steht für sich. Es gibt nur eine einzige Verbindung zwischen zwei Titeln: „Missouri“ greift den Dichter Douglas Fortescue aus ihrem Debüt wieder auf und erzählt dessen amerikanische Episode als eigenständige, knappe Geschichte. Auch dieses kurze Buch verstehen Sie ohne den Vorgänger.
Was die Romane verbindet, ist eher ein Verfahren als ein Stoff. Wunnicke holt Forscher, Sammler und Künstler aus vergangenen Jahrhunderten hervor, oft historisch verbürgte Figuren, und lässt sie auf fremde Kulturen, eigensinnige Gegenüber oder die Grenzen ihres Wissens treffen. Das geschieht selten mit Pathos, dafür mit trockenem Witz und großer sprachlicher Genauigkeit. Die meisten Bücher sind schmal; Umfang ist bei ihr kein Maß für Gewicht.
Alle Bücher von Christine Wunnicke auf einen Blick
| Nr. | Titel | Gattung | Erstausgabe | Hier vorgestellte Ausgabe | Seiten |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Fortescues Fabrik | Roman | 1998 | Goldmann 2000 | 444 |
| 2 | Jetlag | Roman | 2000 | Goldmann 2002 | 251 |
| – | Die Nachtigall des Zaren | Biografie | 2001 | Allitera 2010 | 163 |
| 3 | Die Kunst der Bestimmung | Roman | 2003 | Albino 2021 | 281 |
| 4 | Missouri | Roman | 2006 | Albino 2020 | 112 |
| 5 | Serenity | Roman | 2008 | Osburg 2008 | 231 |
| 6 | Nagasaki, ca. 1642 | Novelle | 2010 | Diogenes 2026 | 160 |
| 7 | Selig & Boggs | Roman | 2013 | Diogenes 2026 | 160 |
| 8 | Der Fuchs und Dr. Shimamura | Roman | 2015 | Diogenes 2026 | 208 |
| 9 | Katie | Roman | 2017 | Diogenes 2026 | 240 |
| 10 | Die Dame mit der bemalten Hand | Roman | 2020 | btb 2022 | 165 |
| 11 | Wachs | Roman | 2025 | Berenberg 2025 | 176 |
Die frühen Romane: Dichter, Rockstars und ein Kastrat
„Fortescues Fabrik“ (1998) – das Debüt für Komplettisten

Ihr erster Roman erschien 1998 bei Knaus und ist mit über 440 Seiten bis heute ihr umfangreichstes Buch. „Fortescues Fabrik“ folgt dem Dichter Douglas W. Fortescue (1810–1842) von seiner Kindheit in Yorkshire über Manchester und London bis zum Ruhm: Nach Byrons Tod wird er zum gefeierten Star, der Poesie gleichsam am Fließband herstellt. Dann folgen Skandal und Flucht nach Amerika, wo er sich in den Räuber Josh Jenkyns verliebt.
Für wen? Für alle, die nach den späteren Büchern das ganze Werk kennen wollen. Der Roman ist nur noch in älteren Ausgaben greifbar und als Einstieg wegen seines Umfangs eher untypisch.
„Jetlag“ (2000) – Wunnicke im Popzeitalter

Der zweite Roman kam 2000 ebenfalls bei Knaus heraus und ist für ihre Verhältnisse erstaunlich nah an der Gegenwart. In „Jetlag“ verliert der schottische Rockstar Phineas Sloan, auf der Bühne Cuddie Savoy, 1969 bei einem Hotelbrand in New York sein Gedächtnis und seine Musik. 27 Jahre später erscheint im wiederaufgebauten Hotel seine glamouröse zweite Hälfte – ohne Schatten, ohne Spiegelbild.
Für wen? Für Leser, die Wunnicke einmal ohne Perücken und Forschungsreisen erleben wollen. Auch dieses Buch gibt es nur noch antiquarisch.
Abstecher: „Die Nachtigall des Zaren“ (2001)

„Die Nachtigall des Zaren“ ist kein Roman, sondern eine erzählende Biografie, zuerst 2001 bei Claassen erschienen, hier in der Neuausgabe von 2010. Sie rekonstruiert das Leben des Kastraten Filippo Balatri (1682–1756) anhand seiner umfangreichen Memoiren: Er diente am Hof Peters des Großen, sang für einen Khan der Kalmücken, unterhielt den europäischen Adel und beschloss sein Leben in einem bayerischen Kloster.
Für wen? Für alle, die sehen wollen, aus welchen Quellen Wunnicke schöpft. Viele ihrer späteren Romane beginnen genau so: mit einem Leben, das unglaublicher wirkt als jede Erfindung.
Gelehrte, Liebende und ein Philosoph im Netz
„Die Kunst der Bestimmung“ (2003) – die Wiederentdeckung

Hier ist das Muster der späteren Romane bereits voll ausgebildet. Der schwedische Professor Simon Chrysander gilt als Meister im Ordnen und Klassifizieren und soll 1678 die naturkundliche Sammlung der Royal Society in London sortieren. Doch dann begegnet er dem jungen Lord Fearnall, der sich jeder Einordnung entzieht und ausgerechnet von Chrysander „bestimmt“ werden möchte. „Die Kunst der Bestimmung“ erschien zuerst 2003 bei Kindler und kam 2021 in einer Neuausgabe zurück. Das Spiel mit Geschlechterrollen und der queere Subtext wirken heute erstaunlich aktuell.
Für wen? Für Leser, die Wissenschaftsgeschichte, barocke Schauplätze und intellektuelle Komik mögen.
„Missouri“ (2006) – der queere Western

Douglas Fortescue ist zurück, diesmal im Wilden Westen: Nach seiner Flucht aus England wird seine Postkutsche überfallen und der empfindsame Dichter von dem schweigsamen Joshua Jenkyns verschleppt. Aus der Entführung wird ganz allmählich eine Liebesgeschichte. „Missouri“ erschien 2006 bei Männerschwarm, 2010 auf Englisch und 2020 in einer Neuausgabe bei Albino. Mit gut 100 Seiten ist es ihr kürzestes Buch in dieser Liste.
Für wen? Für alle, die einen schnellen Einstieg suchen und Western gern gegen den Strich gelesen sehen. Wer beide Fortescue-Bücher lesen will, kann ruhig mit diesem beginnen.
„Serenity“ (2008) – der besondere Tipp

Ein Ausreißer in ihrem Werk: „Serenity“ spielt nicht in der Vergangenheit, sondern im digitalen Raum. Der Philosoph Dr. Varendorf, ein Anhänger Schopenhauers, sucht das Nichts und landet im Internet. Dort gibt er sich als 15-jährige „Serenity“ aus und verliert sich in der Welt der Online-Tagebücher. Es erschien 2008 bei Osburg und wurde im selben Jahr mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet.
Für wen? Für Neugierige, die sehen wollen, wie Wunnickes Ironie mit Gegenwartsstoff umgeht. Das Buch ist nur noch schwer erhältlich.
Die Berenberg-Jahre: Japan, Hollywood und Séancen
Mit den folgenden Büchern fand Wunnicke ihren unverwechselbaren Ton – und ihr Publikum. Vier davon hat Diogenes 2026 in neuen Taschenbuchausgaben herausgebracht, sie sind damit die am leichtesten greifbaren Titel.
„Nagasaki, ca. 1642“ (2010) – der Auftakt der Japan-Bücher

Lange Friedenszeiten bekommen einem Samurai nicht: Seki Keijiro langweilt sich, bis er Inspektor der niederländischen Handelsniederlassung wird. Dort trifft er auf Abel van Rheenen, der aus Zeitvertreib Japanisch lernt und ausgerechnet Sekis Seele erforschen will. „Nagasaki, ca. 1642“ erschien zuerst 2010 als Novelle bei Edition Epoca, später bei Berenberg.
Für wen? Für alle, die „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ mochten und mehr über Wunnickes Japan lesen wollen. Die kurze, präzise Novelle ist ein Vorläufer dieses Romans.
„Selig & Boggs“ (2013) – der heiterste Zugang

Der Untertitel „Die Erfindung von Hollywood“ verspricht nicht zu viel. Der Filmunternehmer William Selig will in Chicago sein Glück machen, sein Regisseur Francis Boggs muss dort aber jedes Mal die Arbeit einstellen, wenn eine Wolke die Sonne verdeckt, und drängt deshalb nach Westen. „Selig & Boggs“ erschien 2013 bei Berenberg und ist ein Stück Filmgeschichte als Komödie.
Für wen? Für Kinofans und alle, die es leicht und unbeschwert mögen.
„Der Fuchs und Dr. Shimamura“ (2015) – der Durchbruch

Mit diesem Roman wurde Wunnicke einem breiteren Publikum bekannt: Er stand 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und erhielt 2016 den Franz-Hessel-Preis. Ende des 19. Jahrhunderts untersucht der Neurologe Shimamura in der japanischen Provinz die verbreitete Vorstellung, Menschen könnten von Füchsen besessen sein – und fängt sich dabei selbst einen Fuchs ein. Daraufhin flieht er auf eine Bildungsreise nach Paris, Wien und Berlin. „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ ist absurd und genau zugleich.
Für wen? Ein idealer Einstieg für alle, die sich für Medizingeschichte, Japan oder einfach für ungewöhnliche Begegnungen von Ost und West interessieren.
„Katie“ (2017) – die Spukgeschichte

London um 1870, der Spiritismus hat Hochkonjunktur. Das junge Medium Florence Cook lässt sich gefesselt in einen Schrank sperren und bringt eine Erscheinung namens Katie hervor, angeblich eine 200 Jahre alte Piratentochter. Der Naturforscher William Crookes nimmt beide nach allen Regeln der damaligen Wissenschaft unter die Lupe. „Katie“ stand 2017 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und ist ironisch und unheimlich zugleich.
Für wen? Für Leser viktorianischer Schauergeschichten, die auch über den Glauben an Beweise lachen können.
Die jüngsten Romane: Preise und große Aufmerksamkeit
„Die Dame mit der bemalten Hand“ (2020) – der beste Einstieg

Wenn Sie nur ein Buch von Christine Wunnicke lesen, dann dieses. Bombay 1764: Der Forschungsreisende Carsten Niebuhr sollte eigentlich in Arabien sein, der persische Astrolabienbauer Musa auf dem Weg nach Mekka. Stattdessen sitzen beide auf der Insel Elephanta fest, verständigen sich in holprigem Arabisch und streiten freundlich über Sternbilder, in denen jeder etwas anderes erkennt. Ob alles wirklich so war, bleibt offen. „Die Dame mit der bemalten Hand“ stand 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet.
Für wen? Für alle. Das Buch ist kurz, witzig und klug, und es zeigt auf wenigen Seiten alles, was Wunnicke ausmacht: historische Forscherfiguren, Kulturbegegnung, das Missverstehen als Erkenntnisweg.
„Wachs“ (2025) – der aktuelle Roman

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts, vor und während der Revolution, lieben sich zwei sehr unterschiedliche Frauen: Marie Biheron, die anatomische Modelle aus Wachs fertigt, und die Pflanzenzeichnerin Madeleine Basseporte. Die Männer, darunter ein redseliger Diderot, haben nur Nebenrollen. „Wachs“ erschien 2025 bei Berenberg und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Für wen? Für alle, die mit dem neuesten Roman beginnen wollen – auch das ist ein guter Einstieg.
Was es sonst noch gibt
Neben den Romanen hat Wunnicke als Übersetzerin gearbeitet, unter anderem an Texten von Rochester, Firbank und Margherita Costa. 2026 erschien in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz außerdem „Papageien. Ein Portrait“, ein Sachbuch.
Fazit: Womit sollten Sie bei Christine Wunnicke anfangen?
Beginnen Sie mit „Die Dame mit der bemalten Hand“: kurz, zugänglich und typisch. Gleichwertig ist „Der Fuchs und Dr. Shimamura“, falls Sie Japan oder Medizingeschichte mehr reizen. Wer lieber beim neuesten Buch einsteigt, greift zu „Wachs“, wer es leicht mag, zu „Selig & Boggs“.
Danach können Sie sich frei bewegen: „Katie“ und „Nagasaki, ca. 1642“ liegen in den neuen Taschenbüchern bereit, „Die Kunst der Bestimmung“ und „Missouri“ in Neuausgaben. „Fortescues Fabrik“, „Jetlag“ und „Serenity“ bleiben etwas für Komplettisten mit Geduld für die Suche im Antiquariat.
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