Die besten Krimis mit Schauplatz Frankreich – von Maigret bis ins Loiretal

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Wer „Frankreich-Krimi“ hört, denkt schnell an Lavendel, Rotwein und einen Kommissar, der zwischen zwei Mahlzeiten einen Mord aufklärt. Solche Bücher gibt es, und einige davon sind gut. Aber das Land hat der Kriminalliteratur weit mehr gegeben: den Kommissar, an dem sich bis heute jeder Ermittler messen lassen muss, eines der berühmtesten Rätsel des Genres, einen Noir, der ohne Marseille nicht denkbar wäre, und eine Gegenwartsliteratur, die sich um Serienkonventionen wenig schert.

Die zehn Bücher dieser Auswahl zeigen diese Bandbreite. Sie führen von Paris in die Normandie, nach Marseille und in den Jura, in die Bretagne, ins Périgord und in die Provence, an die Côte d’Azur und ins Loiretal. Fünf der Bücher wurden auf Französisch geschrieben, die übrigen von Deutschen und Briten, die Frankreich mit dem Blick von außen erzählen – was nicht schlechter sein muss, nur anders. Die Reihenfolge folgt grob der Linie vom Klassiker zur leichten Unterhaltung.

Die Klassiker: wo der französische Krimi beginnt

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette

Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette

Maigret und Pietr der Lette (Kampa, 239 Seiten) ist der erste Maigret, erschienen 1931 – und damit der Anfang einer Figur, die das Bild vom französischen Kommissar geprägt hat wie keine andere. Der Fall beginnt mit einer Verdopplung: Interpol meldet die Ankunft eines international gesuchten Betrügers, Maigret wartet an der Gare du Nord und sieht einen eleganten Herrn, auf den die Beschreibung passt, ins Hotel Majestic verschwinden. Zugleich liegt im Zug ein Toter, der demselben Mann täuschend ähnlich sieht.

Der Fall spielt zwischen den Champs-Élysées und Fécamp, einem Fischerort an der normannischen Küste. Wer Simenon noch nicht kennt, sollte nicht auf Tempo oder überraschende Kniffe hoffen. Seine Stärke ist die Ökonomie: wenige Striche für eine Stadt, ein Hotelfoyer, ein verregnetes Hafenbecken, und dazu ein Ermittler, der weniger kombiniert als wartet, bis er die Menschen verstanden hat. Wer wissen will, woher die Gelassenheit vieler späterer Kommissare kommt, findet hier die Quelle.

Gaston Leroux: Das Geheimnis des gelben Zimmers

Gut zwei Jahrzehnte früher, 1907, erschien Das Geheimnis des gelben Zimmers (Null Papier, 244 Seiten) – von dem Autor, der später mit dem „Phantom der Oper“ weltberühmt wurde. Der Roman gilt als einer der Grundtexte des Locked-Room-Mysteriums: Die Tochter des Wissenschaftlers Stangerson wird in ihrem Zimmer auf dem Schloss ihres Vaters beinahe getötet. Die Tür war verschlossen, und doch ist der Täter spurlos verschwunden.

Um die Lösung wetteifern zwei Ermittler, die hier zum ersten Mal aufeinandertreffen: der undurchsichtige Frédéric Larsan und der junge Reporter Joseph Rouletabille. Das Buch lebt vom Wettstreit der Methoden, von falschen Fährten und einem Schloss voller Geheimnisse. Es ist Rätselkrimi in Reinform – etwas altmodisch im Ton, aber für alle interessant, die sehen wollen, wie der französische Krimi vor Maigret aussah und wie viel die spätere Tradition des „unmöglichen Verbrechens“ ihm verdankt.

Literarischer Krimi und Noir: Paris und Marseille ohne Postkarte

Fred Vargas, Fliehe weit und schnell

Fred Vargas: Fliehe weit und schnell

Fred Vargas schreibt Krimis, die sich anfühlen, als hätte jemand Märchen, Gelehrtenstreit und Polizeiroman in einen Topf geworfen. Fliehe weit und schnell (Blanvalet, 447 Seiten) ist offiziell der dritte Fall für Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, lässt sich aber problemlos ohne die beiden Vorgänger lesen – und ist für viele der beste Einstieg in die Reihe. 2004 wurde der Roman mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

In Paris tauchen nachts an Wohnungstüren seitenverkehrte Vieren auf, dazu eine rätselhafte lateinische Formel. Kurz darauf liegt ein Toter auf der Straße, und in der Stadt macht das Gerücht die Runde, die Pest sei zurückgekehrt. Auf einem Platz im Viertel trägt derweil ein Bretone als Ausrufer alter Schule Meldungen vor – darunter lateinische Texte, die immer mehr Zuhörer anziehen. Adamsberg, ein Ermittler, der eher träumt als schlussfolgert, folgt einer Idee, die zunächst absurd wirkt.

Wer klar strukturierte Polizeiarbeit sucht, wird mit Vargas nicht glücklich. Wer dagegen schrullige Figuren, gelehrte Abschweifungen und eine ganz eigene Poesie mag, bekommt einen der ungewöhnlichsten Krimis, die in Paris spielen.

Jean-Claude Izzo: Total Cheops

Total Cheops (Unionsverlag, 305 Seiten) eröffnet Izzos Marseille-Trilogie und ist das Gegenstück zu jeder Frankreich-Idylle. Fabio Montale ist Polizist in einer Hafenstadt, in der Italiener, Spanier, Algerier und Franzosen nebeneinander leben und in der es oft vom Zufall abhängt, wer auf welcher Seite des Gesetzes landet. Als zwei seiner Freunde, beide Gangster, ermordet werden, handelt Montale auf eigene Rechnung – und muss erkennen, dass die Leute, mit denen er es zu tun bekommt, nach ganz anderen Regeln spielen als nach Loyalität.

Das Buch ist politisch, melancholisch und sinnlich zugleich: Es geht um Korruption und das Einwanderermilieu, um die Viertel, die keiner auf dem Stadtplan sehen will, aber auch um Essen, Musik und das Meer. Izzo gilt als eine der prägenden Stimmen des mediterranen Noir. Wer Marseille nicht nur als Kulisse, sondern als Figur erleben will, sollte hier anfangen.

Ohne Serienermittler: der Pageturner aus dem Jura

Michel Bussi, Das Mädchen mit den blauen Augen

Michel Bussi gehört zu den meistgelesenen Krimiautoren Frankreichs, und Das Mädchen mit den blauen Augen (Aufbau Taschenbuch, 412 Seiten) zeigt, warum. Kurz vor Weihnachten 1980 stürzt im verschneiten Jura ein Flugzeug ab. Einziger Überlebender ist ein drei Monate altes Mädchen – doch an Bord waren zwei Babys im selben Alter. Ohne DNA-Test entscheidet ein Gericht nach langem Streit zwischen zwei Familien, wer das Kind ist.

Achtzehn Jahre später glaubt ein Privatdetektiv, die Wahrheit gefunden zu haben. Er wird tot aufgefunden, doch seine Aufzeichnungen erreichen vorher die junge Frau, um deren Identität es geht. Bussi erzählt aus mehreren Perspektiven und auf zwei Zeitebenen, und er beherrscht das Spiel mit Erwartungen. Der Roman wurde in Frankreich mit dem Prix Maison de la Presse ausgezeichnet. Er ist die richtige Wahl für alle, die einen in sich abgeschlossenen Thriller wollen, ohne sich auf eine Serie einzulassen.

Regionalkrimis: Bretagne, Périgord, Provence

Das Genre des Frankreich-Regionalkrimis ist in Deutschland zu einem eigenen Markt geworden, und auffällig viele seiner erfolgreichsten Vertreter stammen nicht aus Frankreich. Die drei Bücher hier sind jeweils der erste Band einer langen Reihe – und damit der natürliche Einstieg.

Jean-Luc Bannalec, Bretonische Verhältnisse

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse

Hinter dem bretonisch klingenden Namen steht ein deutscher Autor, und Bretonische Verhältnisse (Kiepenheuer & Witsch, 299 Seiten) ist das Buch, mit dem der Boom der Frankreich-Regionalkrimis hierzulande richtig in Fahrt kam. Kommissar Georges Dupin ist gerade erst aus Paris in die Bretagne versetzt worden, als im Künstlerort Pont-Aven der hochbetagte Wirt des Hotel Central erstochen wird – eines Hauses, in dem einst Gauguin und andere Maler abstiegen. Bald wird eine zweite Leiche an der Küste gefunden.

Das Buch ist leicht zugänglich, mit trockenem Humor und einem Ermittler, dessen Eigenheiten man schnell ins Herz schließt oder belächelt. Die Region, ihre Kunstgeschichte und ihre Bewohner nehmen viel Raum ein. Wer einen unkomplizierten Frankreich-Krimi für den Urlaub sucht, liegt hier richtig.

Martin Walker: Bruno, Chef de police

Der Brite Martin Walker schickt seinen Helden in das Dorf Saint-Denis im Périgord – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Pariser Vorort. Bruno, Chef de police (Diogenes, 436 Seiten) stellt Bruno Courrèges vor: Dorfpolizist, Genießer, Sporttrainer und im Ort bestens vernetzt. Ermordet wird ein aus Algerien stammender Kriegsveteran, Träger des Croix de Guerre, dessen Familie im Ort lebt. Weil ein rassistisches Motiv naheliegt, übernehmen nationale Behörden, und Bruno soll außen vor bleiben.

Er ermittelt trotzdem – und die Spur reicht weit zurück in die französische Geschichte. Das ist der Grund, warum der Roman mehr ist als Kulinarik mit Leiche: Unter Essen und Dorfleben liegt ein ernster Kern über Krieg, Kolonialismus und das, was ein Land lieber vergisst. Die Außenperspektive des britischen Autors merkt man dem Buch an, gerade in der liebevollen Genauigkeit, mit der er das Dorfleben beschreibt.

Cay Rademacher: Mörderischer Mistral

Cay Rademacher, Mörderischer Mistral

Mörderischer Mistral (DuMont, 366 Seiten) beginnt mit einem Absturz: Capitaine Roger Blanc war Korruptionsermittler in Paris, bis er den falschen Leuten zu nahe kam. Nun ist er von seiner Frau verlassen, in die Provence versetzt und bewohnt eine verfallene Ölmühle, die ihm ein Onkel vererbt hat. Kaum angekommen, bekommt er einen Mordfall – und die zuständige Untersuchungsrichterin ist ausgerechnet mit dem Politiker verheiratet, der seine Karriere beendet hat.

Rademacher interessiert sich für die Machtstrukturen hinter der Fassade: für lokale Seilschaften, für Politik und für Kollegen, die ihre eigenen Prioritäten haben. Das Finale spielt in brennenden Pinienwäldern, angefacht vom Mistral. Die Reihe ist seither auf mehr als zehn Bände angewachsen, die laut Verlag alle eigenständig lesbar sind. Wer Regionalkrimis mag, aber etwas mehr Gesellschaft und weniger Idylle erwartet, ist mit Blanc gut bedient.

Mit britischem Blick: Riviera und Loiretal

John Bude, Mord an der Riviera

John Bude: Mord an der Riviera

Mord an der Riviera (Klett-Cotta, 288 Seiten) ist eine Wiederentdeckung: ein britischer Kriminalroman aus dem Jahr 1952, der in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt wurde. Inspector Meredith verlässt London, um an der Côte d’Azur einen Geldfälscher aufzuspüren, den er schon einmal hinter Gitter gebracht hat. Dann geschieht in einer Villa, die einer wohlhabenden britischen Witwe gehört, auch noch ein Mord.

Das Buch hat den Charme des klassischen Rätselkrimis: überschaubarer Personenkreis, klare Spielregeln, Palmen und Sonne als Kontrast zur englischen Heimat des Ermittlers. Wer Agatha Christie mag und einmal einen weniger bekannten Autor dieser Schule entdecken möchte, findet hier nostalgisches Lesevergnügen.

Ian Moore: Mord & Croissants

Zum Schluss der leichteste Titel der Liste. In Mord & Croissants (Rowohlt Taschenbuch, 300 Seiten) führt der Engländer Richard eine kleine Pension im Loiretal und schätzt vor allem eines: dass dort nie etwas passiert. Bis ein älterer Gast verschwindet und nur einen blutigen Handabdruck zurücklässt. Fast gleichzeitig zieht die mondäne Valérie d’Orcay ein, die sich auffällig für den Fall interessiert – und Richard findet sich widerwillig in einem Ermittlerduo wieder.

Das ist Cosy Crime mit viel britischem Humor, der vom Zusammenprall eines englischen Gemüts mit französischer Provinz lebt. Wer bei einem Krimi vor allem lachen möchte, ist hier richtig; wer Spannung im engeren Sinn sucht, eher bei den Titeln weiter oben.

Die Frankreich-Krimis im Überblick

Buch Autor Schauplatz Art Seiten
Maigret und Pietr der Lette Georges Simenon Paris, Normandie Klassiker, Serienauftakt 239
Das Geheimnis des gelben Zimmers Gaston Leroux Schloss in Frankreich Klassiker, Rätselkrimi 244
Fliehe weit und schnell Fred Vargas Paris Literarischer Krimi, Band 3 447
Total Cheops Jean-Claude Izzo Marseille Noir, Serienauftakt 305
Das Mädchen mit den blauen Augen Michel Bussi Jura Thriller, Einzelband 412
Bretonische Verhältnisse Jean-Luc Bannalec Bretagne Regionalkrimi, Band 1 299
Bruno, Chef de police Martin Walker Périgord Regionalkrimi, Band 1 436
Mörderischer Mistral Cay Rademacher Provence Regionalkrimi, Band 1 366
Mord an der Riviera John Bude Côte d’Azur Golden-Age-Krimi 288
Mord & Croissants Ian Moore Loiretal Cosy Crime, Serienauftakt 300

Welcher Frankreich-Krimi passt zu wem?

  • Für Einsteiger ins Genre: Simenon – klar und ohne Umwege, und man versteht danach viele spätere Kommissare besser.
  • Für Rätselfreunde: Leroux und Bude, zwei Varianten des klassischen „Wer war’s?“ im Abstand von fast einem halben Jahrhundert.
  • Für Leser, die das Besondere suchen: Vargas und Izzo, die mit Frankreich-Klischees am wenigsten zu tun haben.
  • Für einen Abschluss in einem Rutsch: Bussi, ohne Serienbindung und mit hohem Tempo.
  • Für den Urlaub und für lange Reihen: Bannalec, Walker und Rademacher, jeweils mit dem ersten Band.
  • Zum Entspannen: Moore, bei dem das Schicksal eines Huhns so viel Gewicht bekommen kann wie ein Tatort.

Frankreich ist im Krimi kein einzelner Ort, sondern eine Landkarte von Tonlagen. Wer von Maigret bis ins Loiretal liest, merkt schnell, dass ein Schauplatz allein noch keinen guten Kriminalroman macht – aber dass dieses Land erstaunlich viele verschiedene hervorgebracht hat.

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