Die besten Krimis mit Schauplatz Wien – vom dritten Mann bis zum Opernball

Kaum eine Stadt eignet sich so gut für Kriminalgeschichten wie Wien. Hinter der Fassade aus Kaffeehaus, Hofburg und Heurigem liegt eine Stadt, die ein besonderes Verhältnis zum Tod pflegt, in der man sich gern über Beziehungen verständigt und in der die Vergangenheit selten ganz vergangen ist. Der Wiener Krimi hat daraus einen eigenen Ton gemacht: morbide, ironisch, oft mit einem Humor, der dort am schwärzesten wird, wo es am ernstesten ist.

Die zehn Bücher dieser Auswahl zeigen, wie verschieden dieser Ton klingen kann. Sie führen vom zerbombten Nachkriegs-Wien zurück in die Kaiserzeit und das Fin de Siècle, dann in die Gegenwart mit Rettungswagen, Staatsoper und Ministerbüro – und schließlich in eine Zukunft, die der Gegenwart unangenehm ähnlich sieht. Sechs der Bücher eröffnen eine Reihe; wer Gefallen findet, kann also lange weiterlesen.

Zwei Klassiker des Wien-Krimis

Graham Greene, Der dritte Mann

Graham Greene: Der dritte Mann

Wer an Wien und Verbrechen denkt, landet früher oder später bei Harry Lime. Graham Greene schrieb die Geschichte als Vorlage für Carol Reeds Film von 1949, und Der dritte Mann (Zsolnay, 158 Seiten) ist bis heute das Buch, an dem sich jeder Wien-Krimi messen lassen muss. Die Stadt ist in Sektoren der vier Siegermächte zerteilt, Trümmer prägen das Bild, und wer Penicillin oder Zigaretten besorgen kann, verdient gut.

Der Westernautor Rollo Martins reist auf Einladung seines Jugendfreundes Harry Lime an und kommt gerade rechtzeitig zu dessen Begräbnis. Die Umstände des angeblichen Unfalls passen nicht zusammen, Zeugen widersprechen sich, und Martins beginnt auf eigene Faust zu fragen – bis ihm aufgeht, dass er den Freund nie wirklich gekannt hat. Erzählt wird das Ganze überwiegend aus der Sicht eines britischen Polizeioffiziers, der Martins’ Nachforschungen mit wachsender Skepsis verfolgt.

Das Buch ist schmal und an einem Abend gelesen, doch es beantwortet die großen Fragen des Genres – Loyalität, Schuld, Verrat – ohne ein überflüssiges Wort. Die Ausgabe bei Zsolnay bietet die Neuübersetzung von Nikolaus Stingl mit einem Nachwort von Hanns Zischler. Wer den Film kennt, wird manche Szene wiedererkennen und trotzdem Neues entdecken.

Wolf Haas: Komm, süßer Tod

Ein halbes Jahrhundert später und in ganz anderer Tonlage: Komm, süßer Tod (Rowohlt Taschenbuch, 222 Seiten) ist der dritte Roman um Simon Brenner, und diesmal verschlägt es ihn nach Wien. Brenner hat das Detektivgeschäft aufgegeben und fährt nun für die Kreuzretter, die sich mit der Konkurrenz einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Wiener Rettungswesen liefern. Als vor einem Krankenhaus ein Liebespaar erschossen wird, will Brenner eigentlich nichts damit zu tun haben. Sein Chef sieht das anders.

Das Besondere an Haas ist weniger der Fall als die Stimme, die ihn erzählt: ein plaudernder, abschweifender Erzähler, der sich direkt an die Leser wendet, in Halbsätzen denkt und in Wiener Mündlichkeit schreibt, ohne je Dialekt zu imitieren. Das ist komisch, oft sehr schwarz und nach wenigen Seiten ansteckend. Der Roman wurde 1999 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und später mit Josef Hader verfilmt. Vorkenntnisse aus den ersten Bänden braucht man nicht; der Fall ist in sich abgeschlossen.

Historische Wien-Krimis: Kaiserzeit und Hungerjahre

Oliver Pötzsch, Das Buch des Totengräbers

Oliver Pötzsch: Das Buch des Totengräbers

Kaum ein Ort erzählt so viel über das Wiener Verhältnis zum Tod wie der Zentralfriedhof, und genau dort beginnt Das Buch des Totengräbers (Ullstein, 447 Seiten). Wir schreiben das Jahr 1893. Augustin Rothmayer ist Totengräber, eigenbrötlerisch, belesen und mit einem Fachbuch über sein Handwerk beschäftigt. Der junge Inspektor Leopold von Herzfeldt sucht seinen Rat, weil in der Stadt Dienstmädchen ermordet und gepfählt werden – eine Methode, die man aus altem Volksglauben gegen Wiedergänger kennt.

Pötzsch verbindet das ungleiche Paar mit den Anfängen der modernen Kriminalistik: Hier trifft das Erfahrungswissen des Friedhofs auf die Methoden eines Polizisten, der auf Wissenschaft setzt. Das ist flott erzählt, mit viel Zeitkolorit, und leicht zugänglich auch für Leser, die sonst wenig historische Romane lesen. Als erster Band der Totengräber-Reihe ist das Buch der naheliegende Einstieg.

Alex Beer: Der zweite Reiter

Ein Vierteljahrhundert später ist vom Glanz der Kaiserstadt wenig übrig. Der zweite Reiter (Blanvalet, 410 Seiten) spielt kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in einem Wien, in dem gehungert, geschoben und gestohlen wird. August Emmerich ist Polizeiagent, ein Granatsplitter hat ihn gezeichnet, und er hält den Toten, den er findet, nicht für einen Selbstmörder. Weil sein Vorgesetzter das anders sieht, ermittelt er mit seinem jungen Assistenten auf eigene Faust.

Der Ton ist deutlich düsterer als bei Pötzsch: Kriegsversehrte, Not und eine Gesellschaft ohne Halt bestimmen das Bild. Das Buch wurde mit dem Leo-Perutz-Preis für Wiener Kriminalliteratur ausgezeichnet und eröffnet die Reihe um August Emmerich, deren Bände sich laut Verlag unabhängig voneinander lesen lassen.

Wien um 1900: Seelenkunde und Moderne

Frank Tallis, Die Liebermann-Papiere

Frank Tallis: Die Liebermann-Papiere

Das Wien der Jahrhundertwende, als hier die Psychoanalyse entstand, ist ein naheliegender Schauplatz für Kriminalgeschichten, und der britische Autor Frank Tallis, selbst Psychologe, hat daraus eine ganze Reihe gemacht. Die Liebermann-Papiere (btb, 506 Seiten) ist ihr erster Band und spielt 1902. Die junge Charlotte Löwenstein, die als Medium Séancen abhielt, wird tot aufgefunden – ohne Spuren von Gewalt, dafür mit einem Abschiedsbrief.

Inspektor Rheinhardt glaubt weder an Selbstmord noch an Geister und holt sich Hilfe bei dem jungen Arzt Max Liebermann, der den neuen Ideen über das Unbewusste anhängt und sie für die Ermittlung nutzt. Der Reiz des Buches liegt in dieser Verbindung von klassischem Rätsel und Seelenkunde, dazu kommt der Hang zum Okkulten einer Gesellschaft, die sich für aufgeklärt hält. Wer gern ausführlich liest und Atmosphäre schätzt, findet hier einen gelungenen Blick von außen auf die Stadt.

Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages

Der eigentliche Geheimtipp dieser Liste ist fast hundert Jahre alt. Der Meister des Jüngsten Tages (dtv, 204 Seiten) von Leo Perutz erschien 1923 und spielt 1909 in Wien. Ein bekannter Schauspieler erschießt sich während eines Abends im Freundeskreis, ohne erkennbaren Grund. Der Ich-Erzähler, ein Baron von Yosch, gerät in Verdacht und versucht, die Wahrheit herauszufinden – zumal weitere Menschen auf ähnlich rätselhafte Weise sterben. Die Spur reicht zurück bis ins Florenz des 16. Jahrhunderts.

Perutz verbindet Kriminalroman und Unheimliches mit einer Präzision, die man in der Unterhaltungsliteratur selten findet. Das Buch ist kurz, dicht und hat ein Ende, das zum Wiederlesen einlädt. Dass der österreichische Preis für Wiener Kriminalliteratur Perutz’ Namen trägt, sagt viel über seinen Rang; bekannt ist er außerhalb von Kennerkreisen trotzdem weniger, als er es verdient.

Gegenwart: Schmäh, Oper und Politik

Thomas Raab, Der Metzger muss nachsitzen

Thomas Raab: Der Metzger muss nachsitzen

Wer es gemütlicher mag, ist beim Metzger richtig. Der Metzger muss nachsitzen (Haymon Taschenbuch, 300 Seiten) ist der erste Fall des Restaurators Willibald Adrian Metzger, eines Mannes, der alte Möbel mehr liebt als Aufregung, gern ein Glas Rotwein zu viel trinkt und am liebsten in seiner Werkstatt bliebe. Schon als Schüler war er zu klug und zu weich für die Raufereien auf dem Pausenhof, und ein Held ist aus ihm auch später nicht geworden. Das Verbrechen findet ihn trotzdem, und widerwillig verlässt er die Werkstatt, um nachzuforschen.

Raab schreibt mit Wortwitz, einem genauen Blick für Eigenheiten und jener Mischung aus Melancholie und Komik, die man gern als typisch wienerisch bezeichnet. Spannung im Sinne eines Thrillers darf man nicht erwarten, dafür Figuren, die man wiedersehen möchte. Die Gelegenheit gibt es reichlich, denn der Metzger hat seither eine lange Reihe von Fällen gelöst.

Theresa Prammer: Wiener Totenlieder

Wiener Totenlieder (Haymon, 416 Seiten) hat eine Heldin, die man in keinem anderen Krimi findet. Lotta wollte Sängerin werden wie ihre berühmte Mutter, ist aber gescheitert und arbeitet nun als Kaufhausdetektivin – ironisch, chaotisch und dem Alkohol mehr zugeneigt, als ihr guttut. Als an der Wiener Staatsoper Sänger auf rätselhafte Weise mitten in der Vorstellung verstummen, bittet die Polizei sie um Hilfe, und Lotta ermittelt verdeckt in der Musikszene. Ihr Partner ist ein ehemaliger Kriminalkommissar, der sich nach der Entführung seiner Tochter als Clown durchschlägt.

Prammer, die auch als Schauspielerin und Regisseurin arbeitet, zeigt die Stadt von der Bühne und von hinter den Kulissen. Das Buch ist so sehr Figurenroman wie Krimi: Lottas Familie, ihre Selbstzweifel und ihre neuen Chancen nehmen viel Raum ein. Als Auftakt einer Reihe um Lotta Fiore bietet es einen eigenständigen Zugang zu Wien, fernab von Kommissariat und Kaffeehaus.

Petra Hartlieb: Freunderlwirtschaft

Petra Hartlieb, Freunderlwirtschaft

Der Titel ist Programm: Freunderlwirtschaft (DuMont, 416 Seiten) ist ein Krimi über österreichische Politik und die Seilschaften, die sie zusammenhalten. Kommissarin Alma Oberkofler ist gerade erst nach Wien gekommen, als der Landwirtschaftsminister tot aufgefunden wird – jung, konservativ und ein enger Vertrauter des Kanzlers. Unfall oder Mord? Die wichtigste Zeugin, die Verlobte des Toten, ist verschwunden, und mit ihr sein Laptop.

Hartlieb, die in Wien eine Buchhandlung führt und als Autorin bekannt wurde, begleitet sowohl die Ermittlerin als auch die Flüchtige. Das Ergebnis ist eine bissige Gesellschaftssatire mit Krimihandlung, die einer Generation junger Politiker den Spiegel vorhält, die sich für unangreifbar hält. 2025 erhielt Hartlieb dafür den Leo-Perutz-Preis für Wiener Kriminalliteratur. Das 2024 erschienene Buch ist der erste Band der Reihe „Alma Oberkofler ermittelt“ und der jüngste Titel dieser Auswahl.

Zum Schluss eine Satire: Wien im Opernballfieber

Franzobel: Rechtswalzer

Franzobel, Rechtswalzer

Einen klassischen Ermittlerkrimi sollte man von Franzobel nicht erwarten. Rechtswalzer (btb, 412 Seiten) spielt in einer nahen Zukunft, in der eine rechtsnationale Regierung den Opernball als Propagandaveranstaltung nutzen will. Der Getränkehändler und Barbesitzer Malte Dinger gerät ohne eigene Schuld ins Räderwerk der Justiz und verliert Stück für Stück den Boden unter den Füßen. Parallel ermittelt Kommissar Groschen in einem Mordfall, der zunächst nach einem tödlich verlaufenen Sexspiel aussieht – und dessen Spur nach oben führt.

Franzobel ist einer der sprachmächtigsten österreichischen Gegenwartsautoren, und das merkt man: Das Buch ist grotesk, wütend und komisch zugleich, eine Justizsatire, die den Krimi als Vehikel benutzt. Wer nach den gemütlicheren Titeln etwas Kantiges sucht, liegt hier richtig.

Die Wien-Krimis im Überblick

BuchAutorZeitArtSeiten
Der dritte MannGraham GreeneNachkriegszeitKlassiker, Einzelband158
Komm, süßer TodWolf Haas1990er-JahreKultkrimi, Brenner-Reihe222
Das Buch des TotengräbersOliver Pötzsch1893Historischer Krimi, Band 1447
Der zweite ReiterAlex Beernach 1918Historischer Krimi, Band 1410
Die Liebermann-PapiereFrank Tallis1902Historischer Krimi, Band 1506
Der Meister des Jüngsten TagesLeo Perutz1909Literarischer Klassiker204
Der Metzger muss nachsitzenThomas RaabGegenwartHumorvoller Krimi, Band 1300
Wiener TotenliederTheresa PrammerGegenwartKrimi im Opernmilieu, Band 1416
FreunderlwirtschaftPetra HartliebGegenwartPolitkrimi, Band 1416
RechtswalzerFranzobelnahe ZukunftJustizsatire412

Welcher Wien-Krimi passt zu wem?

  • Für Einsteiger mit wenig Zeit: Greene und Perutz, beide kurz, beide Klassiker, beide mit Wendungen, die nachwirken.
  • Für Freunde schrägen Humors: Haas und Raab, zwei Spielarten des Wiener Schmähs – der eine schwarz und rasant, der andere gemütlich und melancholisch.
  • Für Leser historischer Krimis: Pötzsch, Beer und Tallis, jeweils mit dem ersten Band einer Reihe und in drei verschiedenen Epochen.
  • Für alle, die eine ungewöhnliche Heldin suchen: Prammer mit Lotta Fiore und der Staatsoper als Tatort.
  • Für politisch Interessierte: Hartlieb für die Gegenwart, Franzobel für die zugespitzte Variante.

Wien ist im Krimi keine Kulisse, sondern eine Haltung: Man stirbt hier nicht einfach, man stirbt mit Stil, und das Ermitteln ist oft weniger eine Frage der Methode als der Beziehungen. Die zehn Bücher zeigen, dass diese Haltung vom Nachkriegsschwarzmarkt bis zum Opernball erstaunlich stabil geblieben ist – und wie verschieden sich trotzdem darüber erzählen lässt.

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