Kaum ein Tag wird in einer Familie so lange vorher angekündigt wie der erste Schultag. Monate im Voraus ist von Schulranzen, Schultüte und Klassenlehrerin die Rede – und irgendwann fällt auch der Satz, dass dann „der Ernst des Lebens“ beginne. Erwachsene meinen das meist halb im Scherz. Kinder hören darin vor allem, dass etwas Großes und Unbekanntes auf sie zukommt.
Bücher helfen dabei, das Unbekannte kleiner zu machen. Manche erklären ganz nüchtern, was vor der Einschulung passiert, andere machen aus der Aufregung ein Abenteuer oder einen Witz. Die zehn Kinderbücher über den ersten Schultag in dieser Auswahl sind so sortiert, wie sie in einer Familie zum Einsatz kommen können: erst Bilderbücher für die Vorschulzeit, dann ein Geschenk für die Schultüte, danach Erstleser für die ersten Lesewochen, Vorlesebücher für das erste Schuljahr – und zum Schluss eine Geschichte für den Abend vor dem großen Tag.
Bilderbücher für die Zeit vor der Einschulung
In den Monaten vor dem Schulanfang geht es weniger ums Lesenlernen als ums Vorbereiten. Kinder wollen wissen, wie ein Klassenzimmer aussieht, wer neben ihnen sitzen wird und ob man dort überhaupt aufs Klo darf. Drei sehr unterschiedliche Bilderbücher decken das ab.
Der Klassiker gegen die Angst

Der Ernst des Lebens von Sabine Jörg (Thienemann) ist das Buch, an das viele Eltern zuerst denken, wenn es um die Einschulung geht. Annette hat die Redewendung vom „Ernst des Lebens“ so oft gehört, dass sie sich darunter etwas Bedrohliches vorstellt, ohne recht zu wissen, was. Am ersten Schultag stellt sich heraus: Ernst ist ein Junge, er sitzt neben ihr, und mit ihm macht das Lernen doppelt so viel Spaß.
Die Pointe ist schlicht und gerade deshalb so wirksam. Das Buch nimmt eine Floskel, mit der Erwachsene Kindern unbeabsichtigt Angst einjagen, wörtlich und verwandelt sie in einen Freund. Wer diesen Satz selbst schon einmal gesagt hat, bekommt hier gleich die passende Antwort mitgeliefert. Empfohlen ist das Bilderbuch ab 4 Jahren; die aktuelle Ausgabe von 2024 enthält zusätzlich einen Stickerbogen mit Etiketten für die ersten Schulhefte.
Schritt für Schritt: Was vor dem ersten Schultag passiert

Wo Annettes Geschichte auf eine einzige Pointe zuläuft, arbeitet Conni kommt in die Schule von Liane Schneider (Carlsen) die Vorbereitung gründlich ab. Conni wird angemeldet, besucht eine Ärztin, kauft im Schreibwarenladen ein und darf mit ihrer Erzieherin Hanne zu einem Schnuppertag in die Schule. Dort lernt sie schon vor dem eigentlichen Termin ihre Klassenlehrerin, andere Kinder und das Gebäude kennen. Erst danach kommt die Einschulung selbst.
Genau diese Reihenfolge ist der Nutzen des Buches: Kinder erfahren, dass der erste Schultag nicht aus dem Nichts kommt, sondern dass es vorher mehrere kleine Etappen gibt, bei denen sie vieles schon kennenlernen. Die Ausgabe von 2018 ist vollständig überarbeitet und neu illustriert, dazu gibt es ein Poster. Die Conni-Bilderbücher richten sich an Kinder zwischen drei und sechs Jahren; für ein Vorschulkind, das gern genau Bescheid weiß, ist dieser Band der naheliegende Einstieg.
Zum Stöbern und Entdecken

Einen ganz anderen Zugang wählt Mein allerschönstes Bilderbuch für die Schule von Richard Scarry (Diogenes, 72 Seiten). Statt einer einzelnen Geschichte versammelt das Album Bilder und kleine Erzählungen rund um alles, was mit Schule zu tun hat. Scarrys detailreiche Tierfiguren gehören seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Gestalten im Kinderbuch, und seine Bücher sind dafür gemacht, immer wieder aufgeschlagen zu werden.
Der Vorteil gegenüber den erzählenden Titeln: Dieses Buch hat kein Ende, auf das man hinliest. Man kann es vor der Einschulung durchblättern, um sich einzustimmen, und es noch lange danach hervorholen – wer mag, lernt beim Anschauen nebenbei schon einiges.
Ein Buch für die Schultüte

Wer ein Buch sucht, das tatsächlich in die Schultüte gehört, landet bei Wir sind erste Klasse! von Daniela Kulot (Thienemann). Das Bilderbuch ist durchgehend gereimt, was schon der Untertitel vorführt: „den besten Schulstart wünsch ich heute: mir, den andern und der Meute“. Erzählt wird eine fantasievolle Reise durch den ersten Schultag, mit riesiger Schultüte, neuen Freundschaften und Lehrerinnen und Lehrern.
Was das Buch als Geschenk besonders macht, ist die letzte Seite: Dort ist Platz für persönliche Wünsche derjenigen, die es verschenken. So wird aus einem Bilderbuch eine Erinnerung an den Tag, die man auch Jahre später noch aufschlägt. Empfohlen ist es für Kinder ab 5 Jahren – also genau für das Alter, in dem es überreicht wird.
Erstleser rund um den Schulstart
Sobald die ersten Buchstaben sitzen, wollen viele Kinder selbst lesen – am liebsten über das, was sie gerade erleben. Die folgenden drei Bücher behandeln den ersten Schultag und sind zugleich Erstlesebücher, allerdings auf drei unterschiedlichen Stufen.
Mitlesen schon vor der Schule

Ein Tiger in der Schule? von Maja von Vogel (Loewe) gehört zur Bildermaus-Reihe, in der Bilder im Text einzelne Wörter ersetzen. Das Kind kann damit schon mitlesen, bevor es alle Buchstaben beherrscht, und erlebt trotzdem, dass es einen ganzen Satz geschafft hat. Die Reihe ist ausdrücklich für Kinder ab der Vorschule gedacht.
Die Geschichte greift eine Sorge auf, die viele Schulanfänger haben, aber selten aussprechen: Mia muss gleich zu Beginn aufs Klo und findet danach nicht mehr ins Klassenzimmer zurück. Auf der Suche lernt sie das ganze Schulhaus kennen – und dann huscht plötzlich etwas an ihr vorbei. Was es damit auf sich hat, verrät der Titel nur als Frage.
Gemeinsam lesen: erst du, dann ich

Der kleine Drache Kokosnuss kommt in die Schule von Ingo Siegner (cbj, 67 Seiten) ist für eine Phase gedacht, in der Lesen noch anstrengend ist. Die Reihe „Erst ich ein Stück, dann du“ teilt den Text auf: Längere Passagen in kleiner Schrift lesen Erwachsene, kurze Abschnitte in Fibelschrift übernimmt das Kind. So bleibt die Geschichte in Bewegung, auch wenn das Kind erst ein paar Sätze am Stück schafft.
Inhaltlich geht es um Freundschaft und Ausgrenzung: Kokosnuss darf zur Schule, sein Freund Oskar nicht. Oskar ist ein Fressdrache, und man befürchtet, er könnte die Mitschüler verspeisen – obwohl er nichts lieber täte, als Schreiben und Rechnen zu lernen. Kokosnuss sucht nach einem Ausweg. Die Figuren sind aus der großen Kokosnuss-Reihe bekannt, der Band lässt sich aber auch ohne Vorkenntnisse lesen.
Wenn alles schiefgeht

Die ersten beiden Erstleser gehen behutsam mit der Aufregung um. Berti und seine Brüder – der voll verpatzte Schulstart von Lisa-Marie Dickreiter (Oetinger, 57 Seiten) macht das Gegenteil und setzt auf Tempo und Komik. Die ganze Familie verschläft, Berti muss im Schlafanzug aufbrechen, der Vater fährt so rasant, dass sich die Polizei einschaltet, und die großen Brüder sind keine Hilfe. Ob Berti rechtzeitig ankommt – und was aus seiner Schultüte wird –, bleibt bis zum Schluss offen.
Für Kinder, die selbst gerade eingeschult wurden, ist das entlastend: Der eigene erste Tag kann eigentlich nur besser gelaufen sein. Das Buch gehört zur 1. Lesestufe der Reihe Lesestarter, mit sehr großer Fibelschrift, kurzen Sätzen und vielen farbigen Bildern von Nikolai Renger. Dazu kommen 16 Seiten mit Leserätseln. Empfohlen ist es ab 6 Jahren.
Vorlesebücher für die ersten Wochen
Mit dem ersten Tag ist die Aufregung nicht vorbei. Neue Freundschaften, erste Pannen, der Alltag in der Klasse – das alles wird in den folgenden Wochen verarbeitet. Dafür eignen sich längere Bücher, die man über mehrere Abende vorliest.
Ein Klassiker mit Eigensinn

Die besten Geschichten von Mini von Christine Nöstlinger (Fischer Sauerländer, 208 Seiten) ist ein Jubiläumsband mit drei Mini-Büchern: „Mini muss in die Schule“, „Mini feiert Geburtstag“ und „Mini unter Verdacht“. Mini ist kein zartes Kind, das beschützt werden muss. Ihr großer Bruder zieht sie ständig auf und nennt sie „lange Latte“, doch sie lässt sich davon nicht kleinkriegen – schließlich stehen wichtigere Dinge an, allen voran der erste Schultag und danach ein Geburtstag, zu dem die ganze Klasse kommen will.
Nöstlinger, eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Österreichs, schreibt mit trockenem Witz und nimmt ihre kindlichen Figuren ernst, ohne sie zu verklären. Der Band ist ab 6 Jahren zum Vorlesen gedacht und eignet sich später auch zum Selberlesen. Für Kinder, die schon längeren Geschichten folgen können, ist er die gehaltvollste Lektüre dieser Auswahl.
Das erste Schuljahr von heute

Ich bin Ida – mit Herzklopfen in die erste Klasse von Sabine Westermaier (Thienemann, 125 Seiten) erzählt in kurzen Vorlesegeschichten vom Schulanfang und vom ersten Schuljahr. Ida lebt mit zwei Papas, ihre beste Freundin heißt Esra, und die Episoden spielen auf dem Fußballplatz, in einer Stofftiergeisterbahn oder bei einer Verkleidung als Automat. Es reißt auch mal eine Hose, und ein Käsebrot landet in der Pfütze.
Das Buch zeigt eine Grundschulwelt, in der sich viele Kinder heute wiederfinden, ohne daraus ein Thema zu machen. Die Geschichten sind kurz genug für einen Abend und reichen weit über den ersten Tag hinaus. Wer ein Vorlesebuch sucht, das das ganze erste Schuljahr begleiten kann, ist hier richtig.
Für den Abend vor dem großen Tag

Am Abend vor der Einschulung ist an Einschlafen oft kaum zu denken. Maluna Mondschein – ein magischer Schultag von Andrea Schütze (Ellermann, 140 Seiten) verlegt die Aufregung in den Zauberwald: Die kleine Luftfee Minimee Windhauch kommt in die Schule, und die Gutenachtfee Maluna Mondschein muss sich wieder einmal um alles kümmern. Zum Glück helfen ihr die anderen Feen. Ob noch weitere Zauberwaldkinder eingeschult werden und ob die Schultüten für alle reichen, sind die Fragen, die das Buch in Gutenachtgeschichten beantwortet.
Der fantastische Rahmen hat einen Vorteil: Das Kind muss nicht über die eigene Aufregung sprechen, sondern kann sie bei Minimee beobachten. Das Buch ist ausdrücklich zum Vorlesen im Bett angelegt und eignet sich gut für die letzten Abende vor dem Schulanfang.
Alle zehn Bücher auf einen Blick
| Titel | Autorin/Autor | Verlag, Jahr | Art | Wann |
|---|---|---|---|---|
| Der Ernst des Lebens | Sabine Jörg | Thienemann, 2024 | Bilderbuch | Vorschulzeit |
| Conni kommt in die Schule | Liane Schneider | Carlsen, 2018 | Bilderbuch | Vorschulzeit |
| Mein allerschönstes Bilderbuch für die Schule | Richard Scarry | Diogenes, 2026 | Bilderbuch-Album | vor und nach der Einschulung |
| Wir sind erste Klasse! | Daniela Kulot | Thienemann, 2022 | gereimtes Bilderbuch | Schultüte |
| Ein Tiger in der Schule? | Maja von Vogel | Loewe, 2024 | Erstleser mit Bildern statt Wörtern | ab Vorschule |
| Der kleine Drache Kokosnuss kommt in die Schule | Ingo Siegner | cbj, 2012 | Erstleser zum Abwechseln | erste Lesewochen |
| Berti und seine Brüder – der voll verpatzte Schulstart | Lisa-Marie Dickreiter | Oetinger, 2020 | Erstleser, 1. Lesestufe | erste Lesewochen |
| Die besten Geschichten von Mini | Christine Nöstlinger | Fischer Sauerländer, 2026 | Vorlesebuch | ab 6 Jahren |
| Ich bin Ida – mit Herzklopfen in die erste Klasse | Sabine Westermaier | Thienemann, 2026 | Vorlesegeschichten | erstes Schuljahr |
| Maluna Mondschein – ein magischer Schultag | Andrea Schütze | Ellermann, 2021 | Gutenachtgeschichten | Abende vor der Einschulung |
Welches Buch passt zu welchem Kind?
Die Wahl hängt weniger vom Alter ab als davon, wie ein Kind mit Neuem umgeht. Kinder, die sich mit Unbekanntem schwertun, profitieren von Conni, weil das Buch zeigt, dass die Schule schon vor dem ersten Tag vertraut werden kann. Kinder, die von bedrohlich klingenden Sprüchen verunsichert sind, finden in Der Ernst des Lebens die beste Entwarnung. Und wer ohnehin eher gelassen ist und über Missgeschicke lachen kann, hat mit Berti den größten Spaß.
Ein Tipp noch: Viele dieser Bücher entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie nicht nur einmal, sondern über Wochen immer wieder gelesen werden. Es lohnt sich daher, das erste davon nicht erst in die Schultüte zu stecken, sondern schon einige Zeit vor der Einschulung aufzuschlagen – und ein zweites für die Zeit danach bereitzuhalten.
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