Suzanne Collins hat mit Die Tribute von Panem ein Muster geschaffen, an dem sich ein ganzes Genre orientiert: Ein Staat hält seine Bevölkerung klein, indem er Jugendliche gegeneinander antreten lässt und das Ganze als Fernsehereignis inszeniert. Mittendrin Katniss Everdeen, die sich eigentlich nur um ihre Familie in Distrikt 12 kümmern will und plötzlich zum Symbol eines Aufstands wird.
Wer nach der Trilogie – und womöglich auch nach den späteren Vorgeschichten – etwas Ähnliches sucht, sollte sich zuerst fragen, was genau gefehlt hat. Die Spannung in der Arena? Die Wut auf ein ungerechtes System? Eine Heldin, die sich keiner Seite ganz zugehörig fühlt? Die folgenden zehn Bücher decken diese Wünsche unterschiedlich ab. Die Reihenfolge führt von der naheliegendsten Empfehlung über die älteren Vorbilder des Todesspiels bis zu einem Titel, der sich ausdrücklich an erwachsene Leser richtet.
Der naheliegende Einstieg
Veronica Roth: Die Bestimmung

Kein Buch wird nach Panem so häufig empfohlen wie dieses, und das hat Gründe. In Die Bestimmung ist die Gesellschaft in fünf Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine einzige Tugend pflegen – Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit, Wissen, Friedfertigkeit oder Furchtlosigkeit. Mit 16 muss Beatrice sich endgültig einer davon anschließen, und diese Wahl ersetzt künftig sogar die Familie. Der Eignungstest, der ihr die Entscheidung erleichtern soll, liefert jedoch kein klares Ergebnis. Menschen wie sie gelten als Gefahr für die Ordnung.
Mit Katniss teilt Beatrice die Lage einer jungen Frau, die in einem starren System keinen Platz findet und sich körperlich wie seelisch behaupten muss. Das Buch ist temporeich, die Aufnahmeprüfungen der Furchtlosen erinnern an das Training vor den Spielen. Die Welt ist allerdings weniger ausgefeilt als Panem; Roth geht es stärker um Identität und Zugehörigkeit als um politische Mechanik. Es folgen Tödliche Wahrheit und Letzte Entscheidung, dazu ein Band aus der Sicht von Four.
Für wen: für alle, die möglichst nah am Gefühl von Panem bleiben wollen und Lust auf eine vollständige Trilogie haben.
Die Vorbilder des Todesspiels
Die Idee, Jugendliche vor Publikum um ihr Leben kämpfen zu lassen, hat Collins nicht erfunden. Zwei deutlich ältere Romane zeigen, wie viel härter das Motiv erzählt werden kann. Beide sind Einzelbände und beide richten sich an Erwachsene.
Kōshun Takami: Battle Royale

1999 in Japan erschienen und dort ein Millionenerfolg: In Battle Royale hat sich Japan mit China zu einem totalitären Staat zusammengeschlossen. Jedes Jahr wird eine Schulklasse ausgelost, auf eine abgelegene Insel gebracht und gezwungen, sich gegenseitig zu töten, bis nur noch eine Person übrig ist.
Der Vergleich mit Panem liegt so nahe, dass der Roman oft als dessen Vorläufer genannt wird. Der entscheidende Unterschied: Takami kennt keine Schonung. Statt einer einzelnen Heldin begleitet er viele Mitglieder der Klasse, und gerade weil man sie als ganz gewöhnliche Jugendliche kennenlernt, wiegt jede Gewalttat schwer. Die deutsche Ausgabe umfasst gut 600 Seiten. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt und als Manga adaptiert.
Für wen: für erwachsene Leser, die wissen wollen, woher das Motiv kommt, und die explizite Gewalt nicht scheuen.
Stephen King: Todesmarsch
Noch zwei Jahrzehnte älter ist Todesmarsch, den Stephen King 1979 unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte. Die Regel ist denkbar schlicht: Einhundert 17-Jährige machen sich jedes Jahr am 1. Mai auf einen Fußmarsch, der erst endet, wenn nur noch einer geht. Wer das Tempo nicht hält, wird verwarnt und irgendwann erschossen. Dem Sieger winkt die Erfüllung jedes Wunsches.
Wo Battle Royale und Panem auf Kampf und Taktik setzen, gibt es hier nur die Straße, die Erschöpfung und die Gespräche der Teilnehmer untereinander. Gerade diese Enge macht das Buch so beklemmend – und das Publikum am Straßenrand lässt an die Zuschauer im Kapitol denken. Die hier verlinkte Heyne-Ausgabe von 2025 trägt den Originaltitel „The Long Walk“ als Untertitel.
Für wen: für alle, die an Panem vor allem die psychologische Seite der Spiele interessiert hat, und für King-Leser, die seine Bachman-Romane noch nicht kennen.
Arena und Klassengesellschaft neu gedacht
James Dashner: Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth

Wer bei Panem die Kapitel in der Arena am liebsten gelesen hat, wird hier schnell fündig. Thomas kommt in Die Auserwählten im Labyrinth auf einer Lichtung zu sich und weiß nur noch seinen Namen. Rund fünfzig andere Jungen leben bereits dort, ebenso ahnungslos. Ringsum erhebt sich ein Labyrinth, dessen Wände jede Nacht ihre Lage ändern und in dem tödliche Wesen unterwegs sind.
Das Buch lebt von seinen Rätseln: Wer hat die Jungen hierhergebracht, und zu welchem Zweck? Anders als bei Collins bleibt das politische System lange im Dunkeln, im Vordergrund stehen Tempo und Überlebenskampf. Es ist der Auftakt der Maze-Runner-Reihe, die auch verfilmt wurde.
Für wen: für Jugendliche, die Action und Geheimnisse vor Gesellschaftskritik stellen.
Victoria Aveyard: Die rote Königin
In Aveyards Welt entscheidet die Farbe des Blutes über den Rang: Die Silbernen haben übernatürliche Fähigkeiten und herrschen, die Roten arbeiten für sie. Mare gehört zu den Roten – bis sie am Königshof in Lebensgefahr gerät und sich mit einer Kraft rettet, die sie gar nicht haben dürfte. Um keinen Aufruhr auszulösen, wird sie kurzerhand als adlige Silberne ausgegeben und mit einem Prinzen verlobt, während sie heimlich der Rebellion der Roten zuarbeitet.
Die rote Königin überträgt den Gegensatz zwischen Distrikten und Kapitol in ein Fantasy-Setting. Wie Katniss wird Mare zur Figur in einem Spiel, das andere für sie inszenieren, und wie bei Collins bleibt offen, wem sie trauen kann. Hofintrigen und eine Liebesgeschichte mit mehreren Beteiligten spielen eine größere Rolle als in Panem. Die Reihe „Die Farben des Blutes“ umfasst vier Bände und einen Begleitband.
Für wen: für alle, die sich eine Panem-Heldin mit magischen Kräften wünschen und Romantik gern mitnehmen.
Wenn das System die Hauptrolle spielt
Neal Shusterman: Die Hüter des Todes

Die klügste Dystopie dieser Liste beginnt mit einer scheinbar perfekten Welt. Hunger, Krieg und Krankheit gibt es nicht mehr, auch der natürliche Tod ist überwunden. Damit die Menschheit nicht endlos wächst, tötet ein eigener Orden, die Scythe, nach eigenem Ermessen. Citra und Rowan werden gegen ihren Willen als Lehrlinge ausgewählt, und am Ende der Ausbildung soll nur einer von ihnen aufgenommen werden – mit dem Auftrag, den anderen zu töten.
Die Hüter des Todes spielt mit einer Grundsituation, die an Panem erinnert: zwei junge Menschen, die sich nahekommen und von einem System gegeneinander ausgespielt werden. Shusterman interessiert sich aber mehr für moralische Fragen als für Action. Darf man töten, wenn es der Allgemeinheit dient? Und was macht Macht über Leben und Tod mit denen, die sie ausüben? Erzählt wird abwechselnd aus Citras und Rowans Sicht. Das Buch eröffnet die Scythe-Reihe.
Für wen: für Jugendliche und Erwachsene, die an Panem vor allem die ethischen Fragen beschäftigt haben.
Ursula Poznanski: Die Verratenen
Auch der deutschsprachige Raum hat eine starke Antwort auf Panem hervorgebracht. Die Österreicherin Ursula Poznanski, bekannt geworden mit dem Jugendthriller Erebos, entwirft in Die Verratenen eine Welt nach einer Katastrophe, in der eine privilegierte Gemeinschaft von der Außenwelt getrennt lebt. Sechs Studierende halten ihre Gesellschaft für gerecht – bis sie plötzlich verfolgt werden und fliehen müssen, ohne zu wissen, wer sie verraten hat.
Poznanski erzählt wie in einem Thriller: mit Misstrauen, Wendungen und der Frage, wer lügt. Das Motiv der abgeschotteten Elite und der Menschen am Rand erinnert an das Verhältnis von Kapitol und Distrikten. Der Band ist der erste Teil der Eleria-Trilogie; die verlinkte Ausgabe erschien 2022 bei Loewe.
Für wen: für alle, die eine Dystopie mit Krimi-Spannung suchen, und für Leser, die gern deutschsprachige Autorinnen entdecken.
Ein Geheimtipp und ein Klassiker
Kim Liggett: The Grace Year

In Garner County gelten junge Frauen als gefährlich: Man sagt ihnen eine verführerische Macht nach, die Männer um den Verstand bringt. Deshalb werden sie für ein Jahr in die Wildnis geschickt, um diese Macht loszuwerden. Danach warten Heirat oder Arbeitshaus – sofern sie überhaupt zurückkehren. Tierney James träumt von Freiheit, doch im sogenannten Gnadenjahr merkt sie, dass die größte Bedrohung nicht von der Natur und nicht von den lauernden Wilderern ausgeht, sondern von den anderen Mädchen.
The Grace Year ist der am wenigsten bekannte Titel dieser Liste und vielleicht der überraschendste. Der Verlag stellt ihn selbst zwischen Panem und Margaret Atwoods Report der Magd, und diese Einordnung trifft es: Liggett verbindet einen erbarmungslosen Überlebenskampf mit einer Gesellschaft, die Frauen systematisch klein hält. Das Buch ist düster, zum Teil drastisch und in sich abgeschlossen.
Für wen: für ältere Jugendliche und Erwachsene, die an Panem das Überleben in der Wildnis mochten und eine feministische Perspektive suchen.
Lois Lowry: Hüter der Erinnerung
Lange vor der großen Welle der Jugenddystopien erschien 1993 dieser schmale Roman, der bis heute gern als Schullektüre eingesetzt wird. Jonas lebt in einer Gemeinschaft, die Leid, Not und Risiko abgeschafft hat; selbst Berufe werden zugeteilt. Als er zum Nachfolger des „Hüters der Erinnerung“ bestimmt wird, erfährt er nach und nach, was diese Ruhe kostet – und muss entscheiden, ob er seinen kleinen Pflegebruder Gabriel einem solchen System überlassen will.
Hüter der Erinnerung ist leiser als alle anderen Bücher dieser Auswahl. Es gibt keine Arena und kaum Gewalt, dafür eine unheimliche Freundlichkeit, hinter der sich Kontrolle verbirgt. Mit rund 270 Seiten ist es das kürzeste Buch der Liste und eignet sich auch für jüngere Leser, die für Panem vielleicht noch etwas zu jung sind. Lowry hat weitere Bücher in derselben Welt geschrieben, doch dieses steht gut für sich.
Für wen: für jüngere Jugendliche, für Eltern, die ein Gesprächsbuch suchen, und für alle, die die Wurzeln des Genres kennenlernen wollen.
Der Schritt zu den Erwachsenen
Pierce Brown: Red Rising

Zum Schluss ein Buch für alle, die aus den Jugenddystopien herausgewachsen sind, aber genau diese Mischung weiter lesen wollen. Auf dem Mars gilt eine strenge Farbenordnung. Darrow gehört zu den Roten, die unter der Oberfläche schuften, in dem Glauben, den Planeten erst bewohnbar zu machen. Nach einem schweren persönlichen Verlust erfährt er, dass die Oberfläche längst besiedelt ist: Die Goldenen leben dort im Überfluss. Darrow lässt sich in ihre Eliteschule einschleusen, um das System von innen zu zerstören.
Red Rising hat viel mit Panem gemeinsam – die Ausbeutung einer Klasse durch eine dekadente Oberschicht, eine Ausbildung, die zum Kampf ums Überleben wird, einen Helden, der zum Symbol wird. Brown erzählt aber wesentlich brutaler, und die Gewalt im Institut übertrifft vieles, was man aus der Arena kennt. Das Buch eröffnet eine Reihe, deren erste drei Bände eine abgeschlossene Trilogie bilden.
Für wen: für Erwachsene, die sich eine härtere Version von Panem wünschen und bereit für umfangreiche Science-Fiction sind.
Bücher wie Die Tribute von Panem im Überblick
| Buch | Was an Panem erinnert | Passt zu |
|---|---|---|
| Die Bestimmung | starre Gesellschaftsordnung, Außenseiterin, harte Prüfungen | Jugendliche; nah am Original |
| Battle Royale | staatlich erzwungenes Todesspiel unter Jugendlichen | Erwachsene; sehr drastisch |
| Todesmarsch | Wettkampf auf Leben und Tod als öffentliches Spektakel | Erwachsene; psychologisch |
| Maze Runner: Die Auserwählten im Labyrinth | tödliche Arena, Überlebenskampf in der Gruppe | Jugendliche; viel Action |
| Die rote Königin | Klassengesellschaft, Heldin als Symbolfigur, Rebellion | Fantasy; mit Romantik |
| Die Hüter des Todes | zwei Jugendliche, die gegeneinander ausgespielt werden | moralische Fragen |
| Die Verratenen | abgeschottete Elite, Flucht, Misstrauen | Thriller-Spannung |
| The Grace Year | Überleben in der Wildnis, Kampf untereinander | feministische Dystopie |
| Hüter der Erinnerung | scheinbar perfekte Ordnung mit hohem Preis | jüngere Leser; ruhig |
| Red Rising | Unterdrückung durch eine Oberschicht, tödliche Ausbildung | Erwachsene; brutal |
Welches Buch passt nach Panem?
Wer einfach weiterlesen will, ohne sich umzugewöhnen, greift zu Die Bestimmung. Wer die Spiele selbst am stärksten fand, sollte sich an Maze Runner halten – oder, wenn es härter sein darf, an Battle Royale und Todesmarsch, die zeigen, wie alt und wie verstörend das Motiv eigentlich ist. Leser, die an Panem vor allem die Frage nach Macht und Gewissen fesselt, sind bei Shusterman und Lowry richtig. Und wer der Jugendbuchreihe inzwischen entwachsen ist, findet in Red Rising eine Fortsetzung im Geiste für Erwachsene.
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