Joe Abercrombie gilt als einer der prägenden Namen der sogenannten Grimdark-Fantasy: Seine Welten sind schmutzig, seine Helden selten heldenhaft, und hinter der Gewalt steckt oft ein trockener, sehr britischer Humor. Wer auf Deutsch einsteigen will, stößt schnell auf ein kleines Problem. Bei Heyne heißen fast alle seine Romane „Irgendwas-klingen“, und an den Titeln lässt sich nicht ablesen, welches Buch wohin gehört. Dazu kommen drei Romane mit „König“ im Titel, die mit den Klingen-Büchern gar nichts zu tun haben, und seit 2025 eine dritte, wieder ganz eigene Reihe.
Dieser Überblick sortiert alle vierzehn Bücher und erklärt, wo man anfangen kann und welche Bände man auf keinen Fall durcheinanderwerfen sollte.
Drei Werkgruppen, die nichts miteinander zu tun haben
Abercrombies Werk zerfällt in drei Blöcke, die in verschiedenen Welten spielen:
- Die First-Law-Welt mit den zehn „Klingen“-Büchern: eine Trilogie, drei Einzelromane, ein Band mit Kurzgeschichten und die Folgetrilogie „Age of Madness“.
- Die Bruchsee-Trilogie (im Original „Shattered Sea“), auf Deutsch „Königsschwur“, „Königsjäger“ und „Königskrone“.
- „The Devils“, der Auftakt einer neuen Reihe aus dem Jahr 2025.
Zwischen diesen Gruppen gibt es keine zwingende Reihenfolge. Innerhalb jeder Gruppe dagegen schon, und bei den Klingen-Büchern ist sie besonders wichtig.
Die Reihenfolge auf einen Blick
Die Jahreszahlen beziehen sich auf die englische Originalausgabe.
| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Einordnung | Jahr |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Kriegsklingen | The Blade Itself | First Law 1 | 2006 |
| 2 | Feuerklingen | Before They Are Hanged | First Law 2 | 2007 |
| 3 | Königsklingen | Last Argument of Kings | First Law 3 | 2008 |
| 4 | Racheklingen | Best Served Cold | Einzelroman | 2009 |
| 5 | Heldenklingen | The Heroes | Einzelroman | 2011 |
| 6 | Blutklingen | Red Country | Einzelroman | 2012 |
| 7 | Schattenklingen | Sharp Ends | Kurzgeschichten, optional | 2016 |
| 8 | Zauberklingen | A Little Hatred | Age of Madness 1 | 2019 |
| 9 | Friedensklingen | The Trouble with Peace | Age of Madness 2 | 2020 |
| 10 | Silberklingen | The Wisdom of Crowds | Age of Madness 3 | 2021 |
| 1 | Königsschwur | Half a King | Bruchsee 1 | 2014 |
| 2 | Königsjäger | Half the World | Bruchsee 2 | 2015 |
| 3 | Königskrone | Half a War | Bruchsee 3 | 2015 |
| 1 | The Devils | The Devils | The Devils 1 | 2025 |
Achtung bei „Königsklingen“: Trotz des Namens ist das der dritte Klingen-Band und kein Teil der Königs-Trilogie.
Die First-Law-Welt: die Klingen-Bücher
Für die zehn Klingen-Bücher empfehlen wir schlicht die Reihenfolge, in der sie im Original erschienen sind. Die Handlung schreitet darin weitgehend chronologisch voran, und spätere Bücher leben davon, dass man Figuren wiedertrifft, die man aus früheren Bänden kennt. Oft erkennt man erst mit diesem Wissen, wie weit sie gefallen sind oder was aus ihnen geworden ist.
Die Trilogie: der Pflichtstart

Am Anfang steht Kriegsklingen, Abercrombies Debüt. Im Zentrum stehen mehrere Figuren, die man in klassischer Fantasy als Helden erwarten würde, die aber kaum etwas Heldenhaftes an sich haben. Logen Neunfinger ist ein Krieger aus dem Norden, der vom Töten genug hat und trotzdem nicht davon loskommt. Sand dan Glokta war einmal ein gefeierter Fechter, wurde in Gefangenschaft gefoltert und arbeitet nun selbst als Folterknecht der Inquisition. Der eitle Adelige Jezal dan Luthar will vor allem einen Fechtwettbewerb gewinnen. Zusammengeführt werden sie von Bayaz, einem uralten Magier, dessen Absichten lange im Dunkeln bleiben. Gerade die Kapitel aus Gloktas Sicht, bitter und schwarzhumorig, sind für viele Leser der Grund, warum sie bei Abercrombie hängen bleiben.
Der erste Band nimmt sich viel Zeit für seine Figuren und baut die Welt behutsam auf. Wer nach den ersten hundert Seiten noch nicht ganz überzeugt ist, sollte trotzdem weiterlesen: Die Handlung zieht im Lauf des Buches deutlich an.
Feuerklingen knüpft unmittelbar an und teilt die Figuren auf verschiedene Schauplätze auf. Ein Teil von ihnen bricht unter Bayaz‘ Führung zu einer langen Reise auf, Glokta muss im Süden eine belagerte Stadt halten, und im Norden tobt ein Krieg. Königsklingen führt alles zusammen. Das Ende der Trilogie ist bewusst nicht das, was man von einem Fantasy-Epos erwartet, und genau darauf bauen alle späteren Bücher dieser Welt auf. Die drei Bände sind mit jeweils rund 800 bis über 900 Seiten keine schmale Lektüre, aber sie bilden eine geschlossene Geschichte und müssen in dieser Reihenfolge gelesen werden.
Die drei Einzelromane

Nach der Trilogie hat Abercrombie drei Romane geschrieben, die jeweils eine abgeschlossene Geschichte erzählen. Theoretisch könnte man jeden für sich lesen. Trotzdem lohnt es sich, sie erst nach der Trilogie und in ihrer Erscheinungsfolge zu lesen, weil immer wieder Nebenfiguren auftauchen, deren Geschichte man sonst nicht kennt.
Racheklingen verlegt das Geschehen nach Styrien, ein Land aus zerstrittenen Stadtstaaten, das in der Trilogie nur am Rand vorkommt. Die Söldnerführerin Monzcarro Mercatto wird von ihrem Auftraggeber verraten und für tot gehalten. Sie überlebt und stellt eine Truppe zusammen, mit der sie die Verantwortlichen einen nach dem anderen zur Rechenschaft ziehen will. Abercrombie variiert das Muster der klassischen Rachegeschichte und stellt dabei immer wieder die Frage, was Rache aus einem Menschen macht. Unter Monzas Begleitern ist ein Nordmann, den Leser der Trilogie bereits kennen (im Original heißt er Caul Shivers).
Heldenklingen ist vielleicht Abercrombies konsequentestes Buch. Es erzählt drei Tage einer Schlacht um ein unbedeutendes Tal im Norden, abwechselnd aus der Sicht von Figuren beider Seiten. Zu den wichtigsten gehören der in Ungnade gefallene Bremer dan Gorst, der intrigante Prinz Calder und der alternde Krieger Curnden Craw. Das Buch funktioniert als Kriegsroman, der die Mechanik einer Schlacht von innen zeigt, und setzt einiges an Wissen über die politischen Verhältnisse im Norden voraus.
Blutklingen ist ein Western in Fantasy-Gewand. Die Handlung spielt im gesetzlosen Land jenseits der Grenze der Union, wo ein Goldrausch Glücksritter, Söldner und Agenten des Königreichs zusammenführt. Eine der Hauptfiguren entpuppt sich nach und nach als jemand, den man von früher kennt. Wer die Trilogie gelesen hat, wird diese Wiederbegegnung genießen, alle anderen bemerken sie nicht einmal.
Schattenklingen: optional, aber lohnend
Schattenklingen ist ein Band mit dreizehn Erzählungen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten in der First-Law-Welt spielen. Man trifft unter anderem Glokta, Bethod und Logen Neunfinger wieder, zum Teil in Episoden aus der Zeit vor der Trilogie. Für die Haupthandlung ist der Band nicht nötig, viele Anspielungen erschließen sich aber erst mit Vorwissen. Am besten passt er nach den Einzelromanen und vor „Age of Madness“, also an der Stelle, an der er auch im Original erschienen ist. Mit gut 400 Seiten ist er zudem das schmalste Klingen-Buch.
Age of Madness: die nächste Generation

Mit Zauberklingen beginnt eine zweite Trilogie, die rund eine Generation nach den Ereignissen der ersten spielt. Die Union steht an der Schwelle zur Industrialisierung, in den Städten rauchen Fabrikschlote, und die Unzufriedenheit der Arbeiter wächst. Die neuen Hauptfiguren sind oft Kinder von alten Bekannten: Savine dan Glokta, die Tochter des gefürchteten Inquisitors, ist eine skrupellose Investorin, Leo dan Brock ein ehrgeiziger junger Krieger an der Grenze zum Norden, Rikke die Tochter eines Häuptlings, die das Zweite Gesicht hat. Wer die erste Trilogie nicht kennt, kann der Handlung zwar folgen, verpasst aber einen großen Teil dessen, was die Bücher ausmacht: das Wiedersehen mit einer Welt, in der sich vieles verändert hat und manches erschreckend gleich geblieben ist.
Friedensklingen setzt die Geschichte direkt fort. Der Frieden, der nach dem ersten Band herrscht, ist brüchig, und die Bündnisse verschieben sich. Silberklingen schließt die Trilogie ab: Eine Revolution hat das Königreich umgestürzt, und der abgesetzte König Orso ist nun nur noch Bürger Orso. Das ist bis heute das letzte Buch aus der First-Law-Welt. Die drei Bände bilden eine durchgehende Geschichte und müssen nacheinander gelesen werden.
Die Königs-Trilogie: der leichtere Einstieg

Wer sich von zehn dicken Klingen-Bänden abschrecken lässt, kann Abercrombie auch über die Bruchsee-Trilogie kennenlernen. Sie spielt in einer eigenen, von Wikingern inspirierten Welt rund um ein raues Meer und ist mit der First-Law-Welt nicht verbunden. Die Bücher sind deutlich kürzer, zwischen rund 370 und knapp 480 Seiten, und haben jugendliche Hauptfiguren, sodass sie sich im Original stärker an ein junges Publikum richten. Die Ausgaben bei Heyne sind allerdings nicht als Jugendbücher gekennzeichnet, und Gewalt und Verrat kommen auch hier reichlich vor. Kleine Stolperfalle: In den deutschen Klappentexten heißt das Meer mal „Bruchsee“, mal „Splittermeer“.
In Königsschwur wird Prinz Yarvi, der mit einer verkrüppelten Hand geboren wurde und für das Kriegerhandwerk nicht taugt, nach dem Tod von Vater und Bruder unverhofft König. Er schwört, die Mörder zu bestrafen, wird verraten und muss sich ganz unten wieder hocharbeiten. Der Roman ist straff erzählt und ein guter Test, ob einem Abercrombies Stil liegt.
Königsjäger stellt eine neue Hauptfigur in den Mittelpunkt: Thorn, eine junge Frau, die unbedingt Kriegerin werden will. Yarvi bleibt eine wichtige Figur im Hintergrund, und ohne den ersten Band versteht man seine Rolle nicht. Königskrone erzählt das Finale aus der Sicht von Prinzessin Skara, deren Familie ermordet wurde, und führt die Handlungsfäden der ersten beiden Bände zusammen. Auch hier gilt: der Reihe nach lesen.
The Devils: Abercrombies neue Reihe

Mit The Devils hat Abercrombie 2025 eine neue Reihe begonnen. Die deutsche Ausgabe trägt den englischen Originaltitel und reiht sich damit nicht in das Klingen-Schema ein. Schauplatz ist eine alternative Version des mittelalterlichen Europas, in der es Monster gibt und eine Rückkehr der Elfen droht. Bruder Diaz, ein Geistlicher, soll eine Gruppe übler Gestalten, darunter tatsächliche Ungeheuer, durch eine heilige Mission führen. Das Buch ist unabhängig von allen anderen Werken Abercrombies und eignet sich ebenfalls als Einstieg, ist mit rund 850 Seiten aber wieder ein dicker Brocken.
Eine Fortsetzung ist bereits angekündigt: „The Heretics“ soll laut Verlag im Mai 2027 auf Deutsch erscheinen. Wer ungern auf Fortsetzungen wartet, kann sich mit dem Lesen also noch etwas Zeit lassen.
Wo fange ich an?
Das hängt davon ab, was Sie suchen:
- Sie wollen das Hauptwerk kennenlernen: Beginnen Sie mit „Kriegsklingen“ und lesen Sie die Klingen-Bücher in der Reihenfolge der Tabelle. Das ist der Weg, den wir am meisten empfehlen.
- Sie möchten erst einmal testen: „Königsschwur“ ist kurz, schnell erzählt und vermittelt einen guten Eindruck von Abercrombies Ton, ohne dass Sie sich auf eine Lektüre von mehreren Tausend Seiten einlassen müssen.
- Sie wollen das Neueste lesen: „The Devils“ setzt kein Vorwissen voraus. Bedenken Sie nur, dass die Geschichte erst 2027 weitergeht.
Eines sollten Sie bei den Klingen-Büchern vermeiden: mit einem Einzelroman oder gar mit „Zauberklingen“ einzusteigen, weil der Titel gerade im Regal steht. Lesbar sind diese Bücher auch so, aber vieles von dem, ihren Reiz ausmacht, entfaltet sich erst, wenn man weiß, woher die Figuren kommen und was die erste Trilogie aus ihnen gemacht hat.
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