Traurige Bücher zum Weinen: Die zehn besten Romane, die zu Tränen rühren

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Warum greift man freiwillig zu einem Buch, von dem man weiß, dass es einem das Herz brechen wird? Vielleicht, weil traurige Romane etwas können, das kaum eine andere Lektüre schafft: Sie lassen uns Verlust, Abschied und Schuld durchleben, ohne dass wir selbst etwas verlieren. Wer bei einem Buch weint, weint selten nur um eine erfundene Figur – sondern auch um das, was diese Figur in einem selbst berührt.

Die zehn Bücher in dieser Liste bringen auf sehr unterschiedliche Weise zum Weinen. Manche tun es mit Wucht, andere so leise, dass man erst Tage später merkt, wie sehr sie nachwirken. Es gibt einen Liebesroman, mit dem auch Gelegenheitsleser gut zurechtkommen, ein Jugendbuch, über das eine ganze Generation gesprochen hat, einen Science-Fiction-Klassiker, ein Kinderbuch und einen deutschen Dorfroman, der genauso viel Komik wie Trauer enthält. Wo ein Buch besonders belastende Themen enthält, steht das dabei.

Die großen Tränenromane: Trauma, Krieg und Schuld

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Wer nach dem traurigsten Buch der letzten Jahre fragt, bekommt erstaunlich oft dieselbe Antwort: Ein wenig Leben (Piper, 957 Seiten). Hanya Yanagihara begleitet vier Männer, die sich im College kennengelernt haben, über Jahrzehnte durch ihr Leben in New York – Willem, JB, Malcolm und vor allem Jude St. Francis, einen hochbegabten Juristen, über dessen Vergangenheit er selbst beharrlich schweigt. Erst nach und nach zeigt der Roman, was Jude als Kind angetan wurde und wie tief ihn diese Erfahrungen bis ins Erwachsenenalter prägen.

Das Buch hat Kritiker und Leser gleichermaßen gespalten und begeistert. Es gewann den Kirkus Prize und stand unter anderem auf der Shortlist des Booker Prize und des National Book Award. Was es so erschütternd macht, ist nicht allein das Leid, sondern dessen Gegenpol: Die Freundschaft der vier, vor allem zwischen Jude und Willem, ist mit so viel Zärtlichkeit erzählt, dass man auf jeder Seite hofft, sie möge reichen. Ein deutlicher Hinweis gehört dazu: Missbrauch und Selbstverletzung werden ausführlich und schonungslos geschildert. Wer gerade selbst in einer schwierigen Phase steckt, sollte sich gut überlegen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für dieses Buch ist.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin

Markus Zusak, Die Bücherdiebin

Ein Erzähler, der von Anfang an weiß, wie alles ausgeht: In Die Bücherdiebin (cbj, 587 Seiten) spricht der Tod selbst. Er berichtet von Liesel Meminger, die in der NS-Zeit zu Pflegeeltern nach Molching bei München kommt, zum warmherzigen Hans und zur ruppigen Rosa Hubermann. Liesel kann zunächst kaum lesen, doch Bücher werden für sie zum Halt – auch solche, die sie sich unerlaubt nimmt. Dazu kommen ihr bester Freund Rudi und Max, ein junger Jude, den die Hubermanns verstecken.

Markus Zusak erzählt den Kriegsalltag einer kleinen Straße mit viel Witz und eigenwilligen Bildern, und gerade diese Lebendigkeit macht das Ende so schwer erträglich. Weil der Tod gelegentlich vorwegnimmt, was geschehen wird, liest man mit einem wachsenden Gefühl der Unausweichlichkeit. Der Weltbestseller wurde 2014 verfilmt und wird von Jugendlichen wie Erwachsenen gelesen – ein historischer Roman, der zeigt, was Worte in finsteren Zeiten bedeuten können.

Khaled Hosseini: Drachenläufer

Khaled Hosseini, Drachenläufer

Nicht jede Traurigkeit entsteht aus Krankheit oder Tod. In Drachenläufer (Fischer Taschenbuch, 588 Seiten) ist es die Schuld, die schmerzt. Kabul, 1975: Der zwölfjährige Amir will den großen Drachenwettbewerb gewinnen, um endlich die Anerkennung seines Vaters zu bekommen. An seiner Seite steht Hassan, sein engster Freund, obwohl beide aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Am Tag des Wettbewerbs lässt Amir ihn im entscheidenden Moment im Stich, und dieser Verrat bestimmt sein weiteres Leben.

Khaled Hosseini verbindet die Geschichte einer zerbrochenen Freundschaft mit Jahrzehnten afghanischer Geschichte. Als der erwachsene Amir viele Jahre später aus dem Ausland zurückkehrt, um etwas wiedergutzumachen, findet er eine Stadt vor, die mit der seiner Kindheit kaum noch etwas gemein hat. Die Tränen, die dieser Roman auslöst, gelten einem Kind, das nie verteidigt wurde, und einem Mann, der zu spät begreift, was er verloren hat. Einige Szenen enthalten sexualisierte Gewalt.

Liebe gegen die Zeit

Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

Jojo Moyes, Ein ganzes halbes Jahr

Für alle, die einen leichteren Einstieg suchen und trotzdem weinen möchten, ist Ein ganzes halbes Jahr (Rowohlt Polaris, 542 Seiten) die naheliegende Wahl. Louisa Clark, genannt Lou, verliert ihren Job in einem kleinen Café und nimmt notgedrungen eine Stelle als Betreuerin an. Ihr Schützling ist Will Traynor, ein früher erfolgreicher, abenteuerlustiger Mann, der seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist und sein neues Leben nicht weiterführen will.

Jojo Moyes erzählt das über weite Strecken heiter: Lou ist schlagfertig, ein wenig chaotisch und lässt sich von Wills Sarkasmus nicht einschüchtern. Aus dem Schlagabtausch der beiden wird allmählich etwas anderes, und genau deshalb trifft das Ende so hart. Der Roman wirft dabei ernste Fragen nach Selbstbestimmung auf. Später hat Moyes die Geschichte von Lou fortgesetzt; dieser erste Band ist jedoch in sich abgeschlossen.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter

„Krebsbücher sind doof“ – mit dieser Haltung geht die 16-jährige Hazel Grace Lancaster durchs Leben, die selbst schwer krank ist. Mitleid kann sie nicht ausstehen, ihre Selbsthilfegruppe auch nicht. Bis sie dort Augustus kennenlernt, genannt Gus, der mit seiner eigenen Krankheit ganz anders umgeht als sie. Das Schicksal ist ein mieser Verräter (dtv, 335 Seiten) erzählt, wie die beiden über Bücher streiten, sich verlieben und schließlich gemeinsam nach Amsterdam reisen, um den Autor von Hazels Lieblingsroman zu treffen.

Das Buch ist vor allem eines: unerwartet witzig. John Green schreibt pointierte Dialoge und nimmt seine jugendlichen Figuren ernst, ohne sie zu Heldinnen und Helden einer Leidensgeschichte zu machen. Die Trauer kommt dadurch nicht weniger heftig, sie wirkt nur ehrlicher. Der Roman wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Preis der Jugendjury) ausgezeichnet und eignet sich für Jugendliche ab etwa 14 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Leise Tragödien, die lange nachwirken

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Kazuo Ishiguro, Alles, was wir geben mussten

Nicht jedes traurige Buch lässt einen laut schluchzen. Alles, was wir geben mussten (Heyne, 348 Seiten) des späteren Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro arbeitet mit Andeutungen und Auslassungen. Kathy blickt als erwachsene Frau auf ihre Schulzeit im englischen Internat Hailsham zurück, auf ihre Freundschaft mit Ruth und Tommy, auf Eifersüchteleien und erste Liebe. Doch irgendetwas an diesem Ort stimmt nicht: Die Lehrer heißen „Aufseher“, und den Kindern wird früh vermittelt, dass ihr Leben einem besonderen Zweck dient.

Was es mit dieser Bestimmung auf sich hat, sollte man vor dem Lesen möglichst nicht nachschlagen. Ishiguros Kunst liegt darin, wie selbstverständlich seine Figuren ihr Schicksal hinnehmen – gerade diese Gefasstheit ist kaum auszuhalten.

Daniel Keyes: Blumen für Algernon

Daniel Keyes, Blumen für Algernon

Ein Geheimtipp unter den traurigen Büchern, obwohl er zu den Klassikern der Science-Fiction zählt: Blumen für Algernon (Klett-Cotta, 298 Seiten), dessen ältere deutsche Ausgaben unter dem Titel „Charly“ erschienen. Charlie Gordon, ein Mann mit einer geistigen Behinderung, der in einer Bäckerei arbeitet, wird für ein Forschungsprojekt operiert. Vor ihm hat das Verfahren nur bei einem Versuchstier funktioniert, der Labormaus Algernon. Charlies Intelligenz wächst rasant, bis er die Wissenschaftler übertrifft, die ihn untersuchen.

Erzählt wird ausschließlich in Charlies eigenen Berichten für das Forschungsteam, und darin liegt die besondere Wirkung des Romans: Seine Sprache verändert sich mit ihm, von fehlerhaften, unbeholfenen Notizen zu glänzend formulierten Analysen. Mit dem neuen Verstand erkennt Charlie aber auch, wie seine Umgebung ihn früher behandelt hat. Als Algernon sich zu verändern beginnt, ahnt man, wohin dieser Weg führt. Ein Buch über Würde und darüber, was einen Menschen ausmacht – und eines, dessen letzte Seiten kaum jemand ohne Tränen liest.

Trauer erzählt für junge Leser – und alle anderen

Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht

Patrick Ness, Sieben Minuten nach Mitternacht

Mit gut 200 Seiten ist Sieben Minuten nach Mitternacht (cbj, 213 Seiten) das kürzeste Buch dieser Liste – und vielleicht das, das am direktesten ins Herz trifft. Conors Mutter ist schwer krank. Nachts quält ihn ein immer gleicher Albtraum, und eines Nachts steht ein Monster vor seinem Fenster. Es will Conor Geschichten erzählen, und am Ende soll er ihm eine eigene erzählen: die Wahrheit, die er sich selbst nicht eingestehen will.

Patrick Ness verbindet Fantastik und Alltag, Schulhof und Krankenhaus, und schreibt über Wut, Schuldgefühle und das Loslassen so klar, wie es selten gelingt. Das Buch richtet sich an Jugendliche, berührt Erwachsene aber mindestens ebenso stark, gerade wenn sie selbst schon einen Menschen verloren haben. Die vorliegende Ausgabe ist die Filmausgabe zur Verfilmung mit Liam Neeson und Sigourney Weaver.

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

Astrid Lindgren, Die Brüder Löwenherz

Für viele war es das erste Buch, bei dem sie geweint haben: Die Brüder Löwenherz (Oetinger, 236 Seiten). Krümel ist krank und weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Sein großer Bruder Jonathan tröstet ihn mit Erzählungen von Nangijala, einem Land, in das man nach dem Tod kommt. Bald sehen sich die Brüder dort wieder – doch auch Nangijala ist kein reines Paradies, denn ein grausamer Herrscher bedroht das friedliche Leben.

Astrid Lindgren erzählt aus Krümels Sicht ein Abenteuer voller Pferde, Verstecke und Gefahren, das zugleich vom Sterben und von Geschwisterliebe handelt. Dass ein Kinderbuch den Tod so offen und dennoch tröstlich behandelt, war und ist bemerkenswert. Zum gemeinsamen Lesen mit Kindern eignet es sich gut, wenn man Zeit für Gespräche einplant.

Zwischen Lachen und Weinen

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann

Zum Schluss ein deutschsprachiger Roman, der beweist, dass Traurigkeit und Komik keine Gegensätze sind. In Was man von hier aus sehen kann (DuMont, 314 Seiten) lebt Selma in einem kleinen Dorf im Westerwald. Immer wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt binnen eines Tages jemand im Ort – nur wer, weiß niemand. Erzählt wird das von Selmas Enkelin Luise, die in diesem Dorf aufwächst, umgeben von Menschen mit sehr eigenen Gewohnheiten.

Mariana Leky schaut liebevoll auf ihre Figuren, auf ihre Ängste und Marotten, und man lacht oft beim Lesen. Doch gerade weil man diese Gemeinschaft so ins Herz schließt, wiegt jeder Verlust schwer. Es ist ein Buch über Liebe unter ungünstigen Bedingungen, über Freundschaft und darüber, wie Menschen mit dem Unvermeidlichen leben. Wer zwischen Lachen und Weinen hin- und hergerissen werden möchte, ist hier genau richtig.

Die zehn traurigen Bücher im Überblick

TitelAutorVerlagSeitenPasst, wenn Sie …
Ein wenig LebenHanya YanagiharaPiper957sich einem großen, schweren Roman stellen wollen
Die BücherdiebinMarkus Zusakcbj587historische Romane mit besonderem Erzähler mögen
DrachenläuferKhaled HosseiniFischer Taschenbuch588über Schuld und Wiedergutmachung lesen wollen
Ein ganzes halbes JahrJojo MoyesRowohlt Polaris542eine Liebesgeschichte mit Humor suchen
Das Schicksal ist ein mieser VerräterJohn Greendtv335ein Jugendbuch auch als Erwachsener lesen möchten
Alles, was wir geben musstenKazuo IshiguroHeyne348leise, literarische Traurigkeit bevorzugen
Blumen für AlgernonDaniel KeyesKlett-Cotta298einen ungewöhnlichen Klassiker entdecken wollen
Sieben Minuten nach MitternachtPatrick Nesscbj213ein kurzes Buch über Abschied suchen
Die Brüder LöwenherzAstrid LindgrenOetinger236einen Kinderbuchklassiker (wieder)lesen möchten
Was man von hier aus sehen kannMariana LekyDuMont314zwischen Lachen und Weinen schwanken wollen

Warum sich die Tränen lohnen

Fast alle Bücher dieser Liste haben eines gemeinsam: Sie sind nicht nur traurig. Sie erzählen von Freundschaften, die Jahrzehnte überdauern, von Liebe auf begrenzte Zeit, von Kindern, die mutiger sind als die Erwachsenen um sie herum. Die Trauer wirkt, weil vorher etwas Wertvolles aufgebaut wurde.

Wenn Sie unsicher sind, womit Sie anfangen sollen: „Ein ganzes halbes Jahr“ und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ sind die zugänglichsten Titel, „Sieben Minuten nach Mitternacht“ der kürzeste. „Ein wenig Leben“ dagegen verlangt Zeit und Kraft – und sollte nicht zwischen zwei anstrengenden Arbeitswochen gelesen werden. Und legen Sie ruhig ein Taschentuch bereit, ganz gleich, wofür Sie sich entscheiden.

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