Wer mit Agatha Christie anfangen will, steht schnell vor einem Berg: Allein Hercule Poirot löst in 33 Romanen seine Fälle, Miss Marple in zwölf, dazu kommen Tommy und Tuppence, Erzählungsbände und Dutzende Einzelromane. Die naheliegende Frage lautet deshalb: In welcher Reihenfolge liest man das alles?
Die Antwort ist entspannter, als der Umfang vermuten lässt. Christie hat keine durchgehende Gesamtreihe geschrieben, sondern mehrere voneinander unabhängige Reihen um feste Ermittler. Poirot und Miss Marple begegnen sich in keinem einzigen Roman, und die meisten Fälle sind in sich abgeschlossen. Sie können die Reihen also nacheinander oder parallel lesen – und auch mitten in einer Reihe einsteigen. Nur an wenigen Stellen lohnt es sich wirklich, eine bestimmte Folge einzuhalten. Genau die markieren wir unten.
Innerhalb der Reihen gilt die Reihenfolge der Veröffentlichung. Die Jahreszahlen in den Tabellen beziehen sich auf die englische Erstausgabe, verlinkt sind die aktuellen Ausgaben des Atlantik Verlags.
Der beste Einstieg in Agatha Christie

Für den allerersten Christie empfehlen sich drei Romane, die ohne jedes Vorwissen funktionieren:
- Und dann gab’s keines mehr (1939) ist Christies meistverkaufter Roman und kommt ganz ohne Seriendetektiv aus. Wer wissen will, warum ihr Name bis heute für den klassischen Rätselkrimi steht, liest am besten dieses Buch.
- Mord im Orientexpress (1934) ist der bekannteste Poirot und der beste Quereinstieg in die Reihe um den belgischen Detektiv.
- Die Morde des Herrn ABC (1936) zeigt Poirot auf der Jagd nach einem Täter, der nach dem Alphabet mordet – mit Captain Hastings als Erzähler, also in der Konstellation, die die frühen Poirot-Romane prägt.
Hat einer davon gezündet, lohnt der Schritt zurück an den Anfang: Poirot ab Band 1 oder Miss Marple ab Band 1, jeweils in Erscheinungsreihenfolge.
Hercule Poirot: alle 33 Romane in der richtigen Reihenfolge
| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Erstausgabe |
|---|---|---|---|
| 1 | Das fehlende Glied in der Kette | The Mysterious Affair at Styles | 1920 |
| 2 | Mord auf dem Golfplatz | The Murder on the Links | 1923 |
| 3 | Alibi | The Murder of Roger Ackroyd | 1926 |
| 4 | Die großen Vier | The Big Four | 1927 |
| 5 | Der blaue Express | The Mystery of the Blue Train | 1928 |
| 6 | Das Haus an der Düne | Peril at End House | 1932 |
| 7 | Dreizehn bei Tisch | Lord Edgware Dies | 1933 |
| 8 | Mord im Orientexpress | Murder on the Orient Express | 1934 |
| 9 | Eine Tragödie in drei Akten (früher: „Nikotin“) | Three Act Tragedy | 1935 |
| 10 | Tod in den Wolken | Death in the Clouds | 1935 |
| 11 | Die Morde des Herrn ABC | The A.B.C. Murders | 1936 |
| 12 | Mord in Mesopotamien | Murder in Mesopotamia | 1936 |
| 13 | Mit offenen Karten | Cards on the Table | 1936 |
| 14 | Der Ball spielende Hund (früher: „Der ballspielende Hund“) | Dumb Witness | 1937 |
| 15 | Der Tod auf dem Nil | Death on the Nile | 1937 |
| 16 | Der Tod wartet | Appointment with Death | 1938 |
| 17 | Hercule Poirots Weihnachten | Hercule Poirot’s Christmas | 1938 |
| 18 | Morphium | Sad Cypress | 1940 |
| 19 | Das Geheimnis der Schnallenschuhe | One, Two, Buckle My Shoe | 1940 |
| 20 | Das Böse unter der Sonne | Evil Under the Sun | 1941 |
| 21 | Das unvollendete Bildnis | Five Little Pigs | 1942 |
| 22 | Das Eulenhaus | The Hollow | 1946 |
| 23 | Der Todeswirbel | Taken at the Flood | 1948 |
| 24 | Vier Frauen und ein Mord | Mrs McGinty’s Dead | 1952 |
| 25 | Der Wachsblumenstrauß | After the Funeral | 1953 |
| 26 | Die Kleptomanin | Hickory Dickory Dock | 1955 |
| 27 | Mord mit verteilten Rollen (früher: „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“) | Dead Man’s Folly | 1956 |
| 28 | Die Katze im Taubenschlag | Cat Among the Pigeons | 1959 |
| 29 | Auf doppelter Spur | The Clocks | 1963 |
| 30 | Die vergessliche Mörderin | Third Girl | 1966 |
| 31 | Die Halloween-Party | Hallowe’en Party | 1969 |
| 32 | Elefanten vergessen nie (früher: „Elefanten vergessen nicht“) | Elephants Can Remember | 1972 |
| 33 | Vorhang | Curtain | 1975 |
Die Anfänge mit Captain Hastings

Der natürliche Beginn ist Das fehlende Glied in der Kette, Christies Debüt von 1920. Poirot löst seinen ersten Fall auf dem Landsitz Styles Court, sein Freund Hastings erzählt. Diese Konstellation kehrt am Ende der Reihe zurück, und schon deshalb gehört der Roman an den Anfang. In Mord auf dem Golfplatz ermitteln die beiden in Frankreich, und Hastings lernt dort seine spätere Frau kennen – spätere Bände beziehen sich darauf.
Alibi verdient eine Warnung der besonderen Art: Der Roman hat eine der berühmtesten Auflösungen der Krimigeschichte. Lesen Sie vorher keine Inhaltsangaben, Rezensionen oder Filmkritiken.
Klassiker, Reisen und ein Geheimtipp
In den 1930er-Jahren schreibt Christie die Poirots, die heute jeder kennt. Neben dem Orientexpress ist das vor allem Der Tod auf dem Nil, ein Mordfall auf einer Nilkreuzfahrt und ebenfalls ein guter Einstieg. Mord in Mesopotamien spielt auf einer Ausgrabung im Irak, und Christie greift dafür auf eigene Erfahrungen bei archäologischen Grabungen zurück. Mit offenen Karten bringt vier Ermittler und vier Verdächtige an einen Bridgetisch. Hier tritt zum ersten Mal in einem Roman die Krimiautorin Ariadne Oliver an Poirots Seite auf, die ihn in mehreren späteren Fällen begleitet. Wer die Reihe zur Adventszeit lesen möchte, greift zu Hercule Poirots Weihnachten, einem Mord im verschlossenen Raum beim Familienfest.
Unter Kennern gilt Das unvollendete Bildnis als einer der stärksten Poirots. Der Detektiv rollt einen sechzehn Jahre alten Mordfall neu auf und hört dafür fünf Beteiligte an. Das ist ein Roman fast ohne Action, der ganz von Erinnerung und Perspektive lebt.
Das Spätwerk und „Vorhang“
Ab den späten 1940er-Jahren werden die Fälle psychologischer und die Schauplätze häuslicher, vom Landsitz in Das Eulenhaus bis zum Studentenwohnheim in Die Kleptomanin. Die Halloween-Party diente als Vorlage für den Film „A Haunting in Venice“. Den letzten Poirot, den Christie schrieb, legt sie mit Elefanten vergessen nie 1972 vor.
Danach erscheint 1975 noch Vorhang. Für diesen Band gilt die einzige wirklich harte Regel der Reihe: Lesen Sie ihn als allerletzten Poirot. Er führt mit Hastings zurück nach Styles und schließt die Reihe bewusst ab. Wer ihn zu früh liest, nimmt sich die Wirkung aller übrigen Fälle. Idealerweise kennen Sie davor zumindest „Das fehlende Glied in der Kette“, weil „Vorhang“ ausdrücklich an diesen ersten Fall anknüpft.
Miss Marple: die 12 Romane in Reihenfolge

| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Erstausgabe |
|---|---|---|---|
| 1 | Mord im Pfarrhaus | The Murder at the Vicarage | 1930 |
| 2 | Die Tote in der Bibliothek | The Body in the Library | 1942 |
| 3 | Die Schattenhand | The Moving Finger | 1942 |
| 4 | Ein Mord wird angekündigt | A Murder Is Announced | 1950 |
| 5 | Fata Morgana | They Do It with Mirrors | 1952 |
| 6 | Das Geheimnis der Goldmine | A Pocket Full of Rye | 1953 |
| 7 | 16 Uhr 50 ab Paddington | 4.50 from Paddington | 1957 |
| 8 | Mord im Spiegel | The Mirror Crack’d from Side to Side | 1962 |
| 9 | Karibische Affäre | A Caribbean Mystery | 1964 |
| 10 | Bertram’s Hotel (früher: „Bertrams Hotel“) | At Bertram’s Hotel | 1965 |
| 11 | Das Schicksal in Person | Nemesis | 1971 |
| 12 | Ruhe unsanft | Sleeping Murder | 1976 |
Die ältere Dame aus dem Dorf St. Mary Mead ermittelt anders als Poirot: Sie beobachtet, hört zu und vergleicht Verdächtige mit Menschen, die sie aus ihrem Dorf kennt. Ihr Romandebüt Mord im Pfarrhaus wird vom Pfarrer des Ortes erzählt und ist der beste Anfang. Danach vergehen zwölf Jahre bis zum nächsten Marple-Roman.
Auch hier sind die Fälle weitgehend eigenständig. Ein Mord wird angekündigt, in dem eine Zeitungsanzeige einen Mord vorab ankündigt, gilt als einer der besten Marple-Romane und eignet sich gut als Quereinstieg. In 16 Uhr 50 ab Paddington wird ein Mord aus dem Fenster eines vorbeifahrenden Zuges beobachtet, und Miss Marple bekommt mit Lucy Eyelesbarrow eine tatkräftige Helferin. Die Schattenhand dagegen ist eher etwas für Fortgeschrittene, denn Miss Marple kommt dort erst spät ins Spiel.
Zwei Verbindungen innerhalb der Reihe sollten Sie kennen:
- Die Tote in der Bibliothek und Mord im Spiegel: Dolly Bantry, in deren Haus in Die Tote in der Bibliothek eine fremde Tote liegt, taucht in Mord im Spiegel wieder auf. Das ist hilfreich, aber keine Pflicht.
- Karibische Affäre vor Das Schicksal in Person: Das ist die eine echte Abhängigkeit. In Karibische Affäre lernt Miss Marple im Urlaub Mr Rafiel kennen. In Das Schicksal in Person hinterlässt er ihr einen Auftrag, und der ergibt ohne Band 9 wenig Sinn.
Den Abschluss bildet Ruhe unsanft. Der Roman entstand vermutlich bereits deutlich früher; traditionell wird seine Entstehung in die Kriegsjahre datiert. Veröffentlicht wurde er erst 1976, nach Christies Tod. Die innere Chronologie passt deshalb nicht ganz zu den Bänden davor. Als letzter Marple-Roman ist er trotzdem gut platziert.
Tommy und Tuppence: die Reihe, bei der die Reihenfolge zählt

| Nr. | Deutscher Titel | Originaltitel | Erstausgabe |
|---|---|---|---|
| 1 | Ein gefährlicher Gegner | The Secret Adversary | 1922 |
| 2 | Die Büchse der Pandora (Erzählungen) | Partners in Crime | 1929 |
| 3 | N oder M? (früher: „Rotkäppchen und der böse Wolf“) | N or M? | 1941 |
| 4 | Lauter reizende alte Damen | By the Pricking of My Thumbs | 1968 |
| 5 | Alter schützt vor Scharfsinn nicht | Postern of Fate | 1973 |
Tommy und Tuppence Beresford sind Christies ungewöhnlichstes Ermittlerpaar – und das einzige, das mit seinen Leserinnen und Lesern altert. Zwischen dem ersten und dem letzten Band liegen gut fünfzig Jahre, und die beiden werden in dieser Zeit tatsächlich älter. Diese kleine Reihe sollten Sie deshalb der Reihe nach lesen.
Ein gefährlicher Gegner ist Christies zweiter Roman: Zwei junge Leute auf Arbeitssuche und mit viel Abenteuerlust geraten nach dem Ersten Weltkrieg in eine Verschwörung. Das ist eher Abenteuerroman als Rätselkrimi. Der Erzählungsband Die Büchse der Pandora zählen wir als Band 2 mit, weil er die Zeit dazwischen füllt. Die frisch verheirateten Beresfords führen darin eine Detektei und parodieren dabei berühmte Detektivfiguren ihrer Zeit.
In N oder M? jagen die inzwischen mittelalten Eheleute im Zweiten Weltkrieg Spione. Lauter reizende alte Damen beginnt mit dem Verschwinden einer alten Dame aus dem Heim, in dem Tommys Tante lebte. Alter schützt vor Scharfsinn nicht ist schließlich der letzte Roman, den Christie überhaupt geschrieben hat.
Der bekannteste Einzelroman: „Und dann gab’s keines mehr“

| Titel | Originaltitel | Erstausgabe |
|---|---|---|
| Und dann gab’s keines mehr | And Then There Were None | 1939 |
Zehn Menschen auf einer abgelegenen Insel, und einer nach dem anderen stirbt: Mehr muss man über „Und dann gab’s keines mehr“ vorab nicht wissen, und mehr sollte man auch nicht wissen. Weil kein Seriendetektiv auftritt, passt der Roman an jede Stelle Ihrer Christie-Lektüre. Am besten liest man ihn ganz am Anfang.
Sonderfälle: Spät erschienen, untypisch, umbenannt
- Spät veröffentlicht: „Vorhang“ (1975) und „Ruhe unsanft“ (1976) entstanden beide schon in den 1940er-Jahren und erschienen erst Jahrzehnte später, „Ruhe unsanft“ sogar postum. Als Abschlüsse ihrer Reihen stehen sie trotzdem richtig am Ende.
- Untypisch und optional: Die großen Vier ist aus Episoden zusammengesetzt und eher Agententhriller als Rätselkrimi. Er gilt als untypischster Poirot. Wer die Reihe komplett lesen will, nimmt ihn mit, alle anderen können ihn überspringen.
- Wechselnde deutsche Titel: Viele deutsche Titel haben mit dem Original wenig gemein, und einige wurden bei Neuübersetzungen geändert. Wer ältere Ausgaben im Regal hat, findet in den Tabellen oben die früheren Titel. Bei Zweifeln hilft der Originaltitel weiter.
Ausblick: Was es sonst noch von Agatha Christie gibt
Diese Übersicht beschränkt sich auf die Romane der drei großen Reihen und Christies bekanntestes Einzelwerk. Wer danach weiterlesen will, findet noch reichlich Stoff. Beide Hauptfiguren haben eigene Erzählungsbände, für Poirot etwa „Die Arbeiten des Herkules“, für Miss Marple „Der Dienstagabend-Klub“. Kurzgeschichten eignen sich gut für zwischendurch, verlangen aber keine bestimmte Reihenfolge. Daneben gibt es kleinere Nebenfiguren wie Superintendent Battle, der auch in „Mit offenen Karten“ auftritt, den geheimnisvollen Harley Quin und den Glücksberater Parker Pyne. Hinzu kommen zahlreiche weitere Einzelromane. Weniger bekannt ist, dass Christie unter dem Pseudonym Mary Westmacott auch Romane ohne Krimihandlung veröffentlichte.
Kurz zusammengefasst: So lesen Sie Agatha Christie richtig
- Es gibt keine Gesamtreihenfolge. Poirot, Miss Marple sowie Tommy und Tuppence sind unabhängige Reihen.
- Einstieg: „Und dann gab’s keines mehr“, „Mord im Orientexpress“ oder „Die Morde des Herrn ABC“.
- Poirot und Marple in Erscheinungsreihenfolge lesen; Quereinstiege sind möglich.
- „Vorhang“ unbedingt als letzten Poirot, am besten mit „Das fehlende Glied in der Kette“ im Gedächtnis.
- „Karibische Affäre“ vor „Das Schicksal in Person“.
- Tommy und Tuppence streng der Reihe nach, weil das Paar in Echtzeit altert.
- „Alibi“ ohne Vorwissen lesen.
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