Prinz Eisenherz: Wo fängt man bei 90 Jahren an?

  • Letzte Änderung am 12. September 2026
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Am 13. Februar 1937 erschien in amerikanischen Sonntagszeitungen die erste Seite eines Comics, der bis heute nicht aufgehört hat. Hal Foster zeichnete Prince Valiant – auf Deutsch Prinz Eisenherz – bis 1971 selbst, 1.788 Seiten lang. Danach übernahmen andere, und noch immer kommt jede Woche eine neue Seite dazu.

Das ist großartig und ein Problem zugleich. Wer heute anfangen will, steht vor rund 150 lieferbaren und antiquarischen deutschen Ausgaben aus neun Verlagen, die alle „Prinz Eisenherz“ heißen und sich in Umfang, Format und Anspruch drastisch unterscheiden. Dieser Beitrag sortiert das nach der einzigen Frage, die wirklich zählt: Was wollen Sie eigentlich?

Prinz Eisenherz, Hal Foster Gesamtausgabe, Band 1

Weg 1: Von vorn, in voller Pracht

Wenn Sie die Sache richtig machen wollen, führt kein Weg an der Hal Foster Gesamtausgabe des Bocola Verlags vorbei. Achtzehn großformatige Bände (23,6 × 32 cm), die alle 1.788 von Foster gezeichneten Seiten enthalten – digital überarbeitet, aber mit der Originalkolorierung der Sonntagsseiten.

Das ist der Punkt: Eisenherz war nie ein Heft, sondern eine Zeitungsseite, für ein ganzseitiges Format gezeichnet. In den schmalen Taschenbuchausgaben der Achtziger sieht man das nicht mehr. Hier schon.

Anfangen heißt Band 1, Jahrgang 1937/1938 (98 Seiten). Eisenherz ist darin noch ein Junge in den Sümpfen Britanniens, ein vertriebener Prinz aus Thule, und der Ton ist ein anderer als später: rauer, wilder, näher am Märchen als am Ritterroman. Band 2, Jahrgang 1939/1940 bringt dann, was alle kennen – die Tafelrunde, den Ritterschlag, das Singende Schwert.

  • Vorteil: Vollständig, chronologisch, in der besten je gedruckten Form.
  • Nachteil: Achtzehn Bände sind eine Anschaffung, kein Impulskauf.

Weg 2: Erst einmal ausprobieren

Achtzehn Bände zu kaufen, ohne zu wissen, ob einem der Zeichenstil von 1937 überhaupt liegt, ist mutig. Für den Zweifelsfall gibt es zwei vernünftige Antworten.

Der Auswahlband (Bocola, 79 Seiten) ist genau dafür gemacht: eine Zusammenstellung der besten Episoden, wie der Verlag schreibt, „zum Kennenlernen und Wiederentdecken“. Dünn, bezahlbar, und danach wissen Sie Bescheid.

Die zweite Möglichkeit ist der Carlsen-Einzelband von 2020 mit 301 Seiten – Teil einer Reihe, die Comics als eigenständige Kunstform vorstellt. Er ordnet Eisenherz in die Geschichte des Zeitungscomics ein, statt ihn einfach nur abzudrucken. Wer eher aus kunsthistorischem Interesse kommt als aus Abenteuerlust, fängt hier besser an als bei Band 1.

Prinz Eisenherz, Auswahlband

Weg 3: Was nach Foster kam

Hier wird es interessant, und hier machen es sich die meisten Übersichten zu einfach. Foster hörte 1971 auf – die Serie nicht. Bocola gibt diese zweite Hälfte seit 2010 als eigene Reihe heraus, „Serie II: Die Nachfolgezeichner“, inzwischen 27 Bände.

Drei Handschriften lassen sich darin unterscheiden:

Zeichner Jahrgänge Bände Einstiegsband
John Cullen Murphy 1971–2004 17 Band 1, Jahrgang 1971/1972
Gary Gianni 2004–2012 4 Band 18, Jahrgang 2005/2006
Thomas Yeates seit 2012 6 Band 27, Jahrgang 2023/2024

Murphy führte die Serie ein Vierteljahrhundert lang weiter und hat damit fast so lange daran gearbeitet wie Foster selbst. Gianni brachte einen dunkleren, illustrativeren Strich hinein. Seit Ende 2004 schreibt Mark Schultz die Texte, und Thomas Yeates zeichnet die Serie bis heute – Band 27 mit dem Jahrgang 2023/2024 ist 2025 erschienen.

Wer nur einen Band aus dieser Hälfte lesen will: nehmen Sie den aktuellen. Eisenherz ist mittlerweile Familienvater und längst kein junger Draufgänger mehr, die Geschichten sind ruhiger geworden, und man merkt der Serie an, dass sie von Leuten gemacht wird, die sie seit ihrer Kindheit lieben.

Prinz Eisenherz, Band 27, Jahrgang 2023/2024

Weg 4: Für Kenner, Sammler und Abschweifer

Wenn die Gesamtausgabe schon im Regal steht, wird es erst richtig schön:

  • Das Handbuch für Kenner und Liebhaber (167 Seiten) ist die deutsche Fassung des Definitive Prince Valiant Companion: Zusammenfassungen aller Geschichten bis Seite 3783, Fosters letztes Interview, Gespräche mit Murphy, Gianni und Schultz, dazu sechzehn neu gescannte Farbseiten aus der gesamten Laufzeit.
  • Band 18, der Ergänzungsband der Foster-Gesamtausgabe (144 Seiten) sammelt Materialien, Galerien und Essays – unter anderem eine ausführliche Analyse der Farbgebung. Der Verlag betont, dass er sich inhaltlich nicht mit dem Handbuch überschneidet.
  • Die Excalibur-Gesamtausgabe (208 Seiten) druckt die komplette vierteilige Marvel-Miniserie von 1994/95 – Eisenherz, gezeichnet von John Ridgway, geschrieben von Elaine Lee. Eine Kuriosität, aber eine hübsche.
  • Die kompletten Dell-Hefte (Band 1, 144 Seiten) versammeln die amerikanischen Heftausgaben der Fünfziger, gezeichnet von Bob Fujitani – Eisenherz, wie er nebenher auch noch existierte.
  • Und wer es akademisch mag: Hubert Mittlers „Prinz Eisenherz oder: das Mittelalter in der Sprechblase“ (291 Seiten) untersucht, wie historisierende Comics das Bild von Ritter und Rittertum zwischen 1000 und 1200 formen. Kein Bilderbuch, sondern eine Dissertation – aber eine, die ihren Gegenstand ernst nimmt.

Und die alten Ausgaben?

In Antiquariaten und auf Flohmärkten begegnen Ihnen vor allem drei Reihen: die Carlsen-Werkausgabe (55 schmale Bände zu je 46 bis 48 Seiten, 1989 bis 2016), die Melzer-Ausgaben der frühen Achtziger und die Splitter-Jahrgangsbände der Neunziger. Alle drei sind ehrenwerte Editionen ihrer Zeit, und alle drei sind der heutigen Gesamtausgabe in Format, Druck und Farbe unterlegen.

Kaufen sollte man sie trotzdem, wenn sie billig sind – nicht als Ersatz, sondern weil ein Eisenherz-Band für zwei Euro immer noch der beste Weg ist, jemanden anzustecken.

Alle vorgestellten Bände auf einen Blick

Sie wollen … Titel Verlag, Jahr Seiten
alles, in bester Qualität Hal Foster Gesamtausgabe, Bd. 1: Jahrgang 1937/1938 Bocola, 2006 98
… und dann weiterlesen Hal Foster Gesamtausgabe, Bd. 2: Jahrgang 1939/1940 Bocola, 2007
erst einmal hineinschauen Prinz Eisenherz: Auswahlband Bocola, 2013 79
die kunsthistorische Einordnung Prinz Eisenherz Carlsen, 2020 301
wissen, wie es weiterging Serie II, Bd. 1: Jahrgang 1971/1972 Bocola, 2010 112
Giannis dunkleren Strich Serie II, Bd. 18: Jahrgang 2005/2006 Bocola, 2017 112
den aktuellen Stand Serie II, Bd. 27: Jahrgang 2023/2024 Bocola, 2025 112
Hintergrund und Material Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber Bocola, 2010 167
Essays zur Gesamtausgabe Hal Foster Gesamtausgabe, Bd. 18: Ergänzungsband Bocola, 2012 144
die Marvel-Kuriosität Excalibur Gesamtausgabe Bocola, 2023 208
die amerikanischen Hefte Die kompletten Dell-Hefte, Bd. 1 Bocola, 2019 144
die wissenschaftliche Sicht Prinz Eisenherz oder: das Mittelalter in der Sprechblase Lang, 2008 291

Neunzig Jahre, mehr als 4.000 Seiten, vier Zeichner. Man muss das nicht alles lesen. Aber man sollte wenigstens einmal gesehen haben, wie Hal Foster eine Zeitungsseite komponiert hat – und dann entscheiden, ob man weitermacht.

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