Jutta Richter, geboren 1955, schreibt Kinderbücher, die selten laut sind und trotzdem lange nachhallen. Ihre Geschichten handeln von Freundschaft und Ausgrenzung, von Angst, Armut, Krankheit und Abschied – aber auch von Stofftieren, die im Kinderzimmer Abenteuer bestehen, und von einem Hütehund, der sein Familienleben mit trockenem Humor kommentiert. 2026 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk. Ein guter Anlass, dieses Werk einmal geordnet anzusehen.
Denn wer zum ersten Mal zu einem Buch von Jutta Richter greift, stellt sich meist dieselbe Frage: Ist das schon etwas für mein Kind? Die folgende Auswahl ist deshalb nach Alter aufsteigend sortiert. Die Altersangaben sind Orientierungswerte, die sich an Verlags- und Schulempfehlungen anlehnen. Viele der Bücher funktionieren deutlich früher, wenn ein Erwachsener vorliest und für Fragen da ist – und manche lesen Erwachsene mit ebenso viel Gewinn wie Kinder.
Die Bücher auf einen Blick
| Titel | Altersempfehlung | Seiten | Passt für |
|---|---|---|---|
| Annabella Klimperauge | ab 4 Jahren zum Vorlesen | 187 | Vorlesen in kurzen Portionen |
| Rabenkonzert | ab 4 Jahren zum Vorlesen, für die ganze Familie | 109 | Gedichte für Groß und Klein |
| An einem großen stillen See | ab 5 Jahren | 63 | Gute-Nacht-Buch über Angst und Geborgenheit |
| Ich bin hier bloß der Hund | ab 8 Jahren | 112 | Lustiger Einstieg zum Selberlesen |
| Die Katze oder wie ich die Ewigkeit verloren habe | ab 8 Jahren | 64 | Philosophieren mit Kindern |
| Frau Wolle und der Duft von Schokolade | ab 8 Jahren | 140 | Kinder, die Fantastisches mögen |
| Der Hund mit dem gelben Herzen oder Die Geschichte vom Gegenteil | ab 9 Jahren vorgelesen, selbst ab etwa 10 bis 11 | 109 | Gemeinsames Lesen und Gespräch |
| Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen | ab 10 Jahren | 92 | Schullektüre über Ausgrenzung |
| Hinter dem Bahnhof liegt das Meer | ab 10 Jahren | 92 | Leise Reisegeschichte über Armut und Hoffnung |
| Hechtsommer | ab 10 bis 11 Jahren | 137 | Kinder, die einen Verlust erleben |
Die Seitenzahlen beziehen sich auf die jeweils verlinkte Ausgabe.
Zum Vorlesen ab 4 und 5 Jahren
Annabella Klimperauge

Altersempfehlung: ab 4 Jahren zum Vorlesen
Lena hat in ihrem Kinderzimmer drei treue Gefährten: die Puppe Annabella, den Löwen Leo und den Teddy Klaus. Was die vier gemeinsam erleben, ist für Erwachsene Alltag und für Kindergartenkinder große Welt – eine Radtour, ein Kampf gegen ein Wärmflaschenkrokodil, schließlich der erste Schultag. Annabella Klimperauge ist in kurze, abgeschlossene Episoden gegliedert, sodass sich jeden Abend eine Geschichte vorlesen lässt, ohne dass jemand den Faden verliert.
Für Familien, die Jutta Richter kennenlernen wollen, ist das der früheste Zugang zu ihrem Werk. Man merkt schon hier, was später ihre großen Bücher trägt: Sie nimmt die Gefühle von Kindern ernst, auch wenn sie sich um ein Stofftier drehen.
Rabenkonzert

Altersempfehlung: ab 4 Jahren zum Vorlesen, für die ganze Familie
Dass Jutta Richter auch Lyrikerin ist, geht neben ihren Romanen leicht unter. Rabenkonzert holt das nach: Der Band versammelt die Summe ihrer Gedichte für Kinder, illustriert von Julie Völk, und wurde 2026 mit dem Josef-Guggenmos-Preis ausgezeichnet. Die Gedichte folgen dem Lauf der Jahreszeiten, erzählen von Tieren, Fabelwesen und Engeln, mal komisch, mal ein wenig wehmütig.
Das Buch ist ein Familienbuch im besten Sinn. Vierjährige hören vor allem Klang und Rhythmus, Schulkinder lesen einzelne Gedichte selbst, Erwachsene entdecken darin mehr, als sie erwartet hätten. Wer nur ein Buch von Jutta Richter ins Regal stellen möchte, das über Jahre mitwächst, ist hier richtig.
An einem großen stillen See
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Ein Kind kann nicht schlafen, ein alter Mann auch nicht. Also erzählen sie einander von Engeln: vom Möwenengel, vom Neinengel, vom Mitternachtsengel und von weiteren Schutzgestalten, die in der Nacht wachen. An einem großen stillen See ist ein Bilderbuch mit Bildern von Susanne Janssen und gerade einmal gut 60 Seiten stark.
Es eignet sich besonders für Kinder, die abends Angst haben oder nicht zur Ruhe kommen. Das Buch redet ihnen die Angst nicht aus, sondern stellt ihr etwas Tröstliches zur Seite. Dass auch der alte Mann wach liegt, macht die Geschichte für Erwachsene berührend – und für Kinder zu einer Erfahrung, dass sie mit ihrer Unruhe nicht allein sind.
Zum Selberlesen ab 8 Jahren
Ab der zweiten oder dritten Klasse können Kinder die nächsten drei Bücher allein bewältigen. Sie sind sehr unterschiedlich im Ton – komisch, nachdenklich, fantastisch – und zeigen damit gut, wie breit Richters Werk angelegt ist.
Ich bin hier bloß der Hund

Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Anton ist ein großer, zotteliger Hütehund mit stolzer Ahnenreihe, und er lebt jetzt bei Friedbert, Emily und der kleinen Lily. Insgesamt ist er mit seinem neuen Zuhause zufrieden – wären da nicht die launische Katze Mizzi und eine Hundeschule, deren Sinn sich ihm nicht erschließt. In Ich bin hier bloß der Hund erzählt Anton selbst, und gerade der Blick von unten auf die Eigenheiten der Menschen sorgt für viel Komik. Die Bilder stammen von Hildegard Müller.
Das Buch ist der leichteste Einstieg in Richters Werk für Kinder, die selbst lesen: kurze Abschnitte, ein klarer Erzähler, viel Witz. Wer danach mehr möchte, findet einen Nachfolger: 2016 erschien „Ich bin hier bloß das Kind“.
Die Katze oder wie ich die Ewigkeit verloren habe
Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Auf ihrem Schulweg trifft Christine jeden Morgen eine alte weiße Katze, und jeden Morgen kommt sie deshalb zu spät. Die Katze spricht mit ihr, gibt ihr Lebensweisheiten mit auf den Weg und behauptet unter anderem, dass man vor allem an sich selbst denken solle. Christine ist fasziniert und zugleich verunsichert.
Die Katze oder wie ich die Ewigkeit verloren habe ist ein schmales, philosophisches Buch mit Bildern von Rotraut Susanne Berner. Es lässt die großen Fragen offen, statt sie zu beantworten, und lädt so zum Gespräch ein. Auch international hat es Aufmerksamkeit bekommen: In Italien wurde es 2007 mit dem Premio Andersen ausgezeichnet, in den USA erhielt die Übersetzung 2008 eine Batchelder Honor. Achtjährige können es selbst lesen; seinen vollen Gehalt entfaltet es oft erst, wenn jemand nachfragt.
Frau Wolle und der Duft von Schokolade

Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Die Mutter arbeitet in der Spätschicht, der Vater ist fern, und so bekommen Merle und Moritz eine neue Nachtfrau: Gesine Wolkenstein, die ihnen von Anfang an nicht geheuer ist. Gleich in der ersten Nacht wird die Kinderzimmertür zum Durchgang in eine andere Welt, die Murkelei, in der Trolle mit spitzen Zähnen und ein weiser Fuchs leben. Wie die beiden zurückfinden und was die Nachtfrau damit zu tun hat, treibt die Handlung voran.
Frau Wolle und der Duft von Schokolade ist der Auftakt einer Trilogie und Richters spannendstes, am deutlichsten fantastisches Buch. Damit ist es die richtige Wahl für Kinder, die sonst eher zu Abenteuergeschichten greifen und mit leisen Büchern wenig anfangen können. Die Fortsetzungen heißen „Frau Wolle und das Geheimnis der chinesischen Papierschirmchen“ und „Frau Wolle und die Welt hinter der Welt“.
Ab 9 und 10 Jahren: die großen Themen
Die folgenden vier Bücher sind diejenigen, für die Jutta Richter am bekanntesten ist. Sie sind nicht lang, aber sie verlangen etwas: Sie sprechen von Ausgrenzung, Armut, Krankheit und Tod, ohne zu beschönigen. Eltern sollten sie im Zweifel selbst vorher lesen – nicht, weil die Bücher ungeeignet wären, sondern weil sie Gesprächsstoff liefern.
Der Hund mit dem gelben Herzen oder Die Geschichte vom Gegenteil
Altersempfehlung: ab 9 Jahren vorgelesen, selbst ab etwa 10 bis 11 Jahren
In Opas Schuppen sitzen zwei Kinder, Prinz Neumann und Lotta, mit einem zugelaufenen Hund, der für Futter und einen warmen Platz eine Geschichte erzählt. Es ist eine eigenwillige Schöpfungsgeschichte: über G. Ott, der die Welt erfindet, und seinen besten Freund Lobkowitz, mit dem er sich überwirft. Die Kinder wollen das nicht so stehen lassen.
Der Hund mit dem gelben Herzen oder Die Geschichte vom Gegenteil ist das am wenigsten bekannte Buch dieser Auswahl und vielleicht das verspielteste. Es spielt mit Wörtern und mit religiösen Motiven und stellt dabei ernste Fragen nach Gut und Böse, nach Streit und Versöhnung. Im Jahr 2000 erhielt es den Rattenfänger-Literaturpreis. Weil vieles darin zwischen den Zeilen steckt, lohnt sich gemeinsames Lesen besonders – gerade mit Kindern, die gern diskutieren.
Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen

Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Die Ich-Erzählerin freundet sich mit Rainer an, einem Jungen, den niemand leiden kann – weder die anderen Kinder noch die Erwachsenen. Bei ihm darf sie von ihren Ängsten sprechen, ohne ausgelacht zu werden. Zugleich spürt sie, was es kostet, zu jemandem zu halten, den alle anderen meiden.
Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen ist Jutta Richters bekanntestes Buch. 2001 wurde es mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, und in den Klassen 5 bis 7 wird es häufig als Schullektüre gelesen. Mit gut 90 Seiten ist es kurz, aber dicht. Es eignet sich für Kinder, die selbst erleben, wie Gruppen jemanden ausschließen – ob als Betroffene oder als Zuschauer.
Hinter dem Bahnhof liegt das Meer
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Neuner ist ausgerissen und hat sich dem Stadtstreicher Kosmos angeschlossen. Beide träumen vom Süden, vom Meer und von Zitronenbäumen. Für die Reise aber fehlt das Geld, und das Einzige, was Neuner zu Geld machen könnte, ist sein Schutzengel.
Hinter dem Bahnhof liegt das Meer ist eine leise Reisegeschichte, die fast nur aus Sehnsucht besteht. Sie erzählt von Menschen am Rand der Gesellschaft, von Armut und einer ungleichen Freundschaft, ohne ins Elend abzurutschen; die Hoffnung bleibt stets im Blick. Für Kinder ist das eine Gelegenheit, über Obdachlosigkeit nachzudenken, ohne belehrt zu werden.
Hechtsommer

Altersempfehlung: ab 10 bis 11 Jahren
Die Mutter von Daniel und Lukas ist schwer krank. Die Brüder sind überzeugt: Wenn sie den großen Hecht fangen, wird sie wieder gesund. Anna, ihre Freundin, glaubt nicht daran, aber sie hilft trotzdem, und sie ist es, die von diesem Sommer erzählt – einem Sommer des Wartens, Hoffens und Abschiednehmens.
Hechtsommer gehört zu den eindringlichsten Kinderbüchern über Tod und Trauer. 2005 wurde es mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Das Buch bietet keine schnellen Antworten, aber es zeigt, dass Freundschaft und Geschwisterliebe auch in der schwersten Zeit tragen können. Für Kinder, die selbst einen Verlust erleben, kann es eine Hilfe sein; Eltern sollten dann aber bereit sein, mitzulesen. Eine Neuausgabe bei Insel ist angekündigt.
Welches Jutta-Richter-Buch passt zu welchem Kind?
Wer bei Jutta Richter einsteigen möchte, kann sich an ein paar einfachen Faustregeln orientieren:
- Für Kindergartenkinder sind „Annabella Klimperauge“ und „Rabenkonzert“ die besten Vorlesebücher; „An einem großen stillen See“ passt, wenn das Einschlafen schwerfällt.
- Für Leseanfänger ab etwa 8 Jahren, die vor allem Spaß haben wollen, ist „Ich bin hier bloß der Hund“ ideal. Abenteuerlustige Kinder greifen besser zu „Frau Wolle“.
- Für nachdenkliche Kinder, die gern fragen und diskutieren, eignen sich „Die Katze“ und „Der Hund mit dem gelben Herzen“ – am besten gemeinsam mit einem Erwachsenen.
- Ab etwa 10 Jahren führen „Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen“, „Hinter dem Bahnhof liegt das Meer“ und „Hechtsommer“ zu Richters großen Themen. Wer nur eines davon lesen möchte, beginnt mit den „Spinnen“.
Die Altersangaben sind dabei keine starren Grenzen. Richters Bücher sind kurz und sprachlich klar; was sie anspruchsvoll macht, ist nicht der Wortschatz, sondern die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich den Fragen von Kindern stellen. Lesen Sie die schwereren Titel deshalb ruhig früher vor, wenn Ihr Kind bereit dafür ist – und lesen Sie sie auch selbst. Dass Jutta Richter für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, versteht man am besten, wenn man mehrere dieser Bücher nebeneinander kennt.
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